Nachrichten 22.07.2020

Einblicke aus Twitter: Was Menschen über Statine denken

Als Arzt wäre es gut zu wissen, warum Patienten eine Statintherapie eigenhändig absetzen. Wissenschaftler haben mithilfe von Twitter versucht, mehr über die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Statinen zu erfahren – dabei offenbarten sich ihnen ungeahnte Einblicke.

Heute nutzen viele Menschen Social Media-Kanäle um ihre Einstellung kundzutun. US-Wissenschaftler um Dr. Su Golder haben diese Art der Meinungsverbreitung genutzt, um mehr darüber zu erfahren, was Menschen wirklich über Statine denken.

„Die traditionelle Forschung zu Meinungen und Einstellungen beruft sich auf Umfragen, Interviews oder Marktforschung“, erläutern Golder und Kollegen das gängige Vorgehen zur Beurteilung eines Stimmungsbildes. Die auf Social Media-Kanälen ausgedrückte Meinung würde aber womöglich eher die wahre Einstellung der Menschen widerspiegeln, vermuten die US-Wissenschaftler. Hier können sich Menschen spontan, quasi ungeniert und frei äußern, ohne im Hinterkopf zu haben, dass jemand ihre Angaben auswertet.

Die Wissenschaftler aus New York haben sich 11.852 auf Twitter abgesetzte Tweets genauer angeschaut und diese in unterschiedliche Kategorien eingeteilt. 5.201 dieser Nachrichten schätzten sie mit Blick auf die Gesundheit als relevant ein. Dabei offenbarten sich ihnen diverse Einstellungen:

1. Misstrauen gegenüber Statinen

Mit Abstand am häufigsten diskutierten Menschen auf Twitter über ihre eigenen Erfahrungen mit Statinen, die sie selbst einnehmen, eingenommen haben oder werden (bei 32,8% aller Tweets). In diesem Kontext wiederum wurde häufig über Nebenwirkungen gesprochen. 6,8% aller Tweets betrafen unerwünschte Effekte der Behandlung, am häufigsten äußerten sich die Twitter-User über Muskelschmerzen oder kognitiver Störungen:

  • Good things going on so far in 2017…switched meds to tryglycerides and I can walk again! Apparently Atorvastatin is notorious for muscle stiffness.”
  • My father died of an overdose of Crestor at age 82. His cardiologist LOVED the numbers, but didn’t bother to look at his patient, who had contracted rhabdomyolysis.”

Nicht selten zeigte sich dabei auch ein tiefes Misstrauen gegenüber der Medikation und der vertreibenden Pharmaindustrie, dass dieser nicht zu trauen sei, dass Statine Gift seien oder mehr Schaden als Nutzen würden, zum Teil richtete sich die Skepsis auch gegen die Regierung:  

  • „Lipitor is slow acting poison. A good diet and regular exercise will do a better job than that XXXX.”

Einige sprachen sich aufgrund ihrer Befürchtungen von vornherein gegen eine solche Behandlung aus (1,1%):

  • „I’ve been prescribed Lipitor but I declined to pick it up from the pharmacy. There’s no way in hell I’d take a statin“.
  • „Why is that? I’m 54 and my cholesterol at my last physical was high according to my Doc. She recommended I take Lipitor. I said no thank you.”

2. Ursachen für fehlende Therapietreue

Teilweise werden an den Tweets auch die Gründe für die fehlende Therapietreue mancher Patienten sichtbar, auch wenn solche Inhalte prinzipiell eher selten zur Sprache kamen (1,7% aller Tweets). Am häufigsten äußerten die Patienten, dass sie die Medikamente nicht so einnehmen, wie sie verschrieben worden sind, sie etwa eine zu hohe, zu niedrige oder gar keine Dosis eingenommen hätten:

  • „Lipitor gives me leg cramps so I break it in half. I don’t take a whole dose.”
  • „I mistakenly took 2 Lipitor instead of 1 this morning, so I just ate twice as much fat to soak it up.”

Manche gaben an, dass sie die Medikation vergessen hätten:

  • „Reading that just reminded me that I haven’t taken my Lipitor in 2 d.”

Manche diskutierten auch ganz neutral über die Dosierung ihrer Therapie oder über persönliche Erfahrungen mit der Behandlung:

  • „I’m on 5 mg of rosuvastatin now but I was on 80 mg of atorvastatin.“
  • „I often told bar staff that I can’t have grapefruit because I’m on Lipitor.”

3. Statine als Freibrief für einen ungesunden Lebensstil

Einige der abgesetzten Tweets offenbarten die Einstellung von Patienten, die eine Statintherapie quasi als Freibrief zum ungesunden Lebensstil nutzen:

  • „My dad says if I take my Lipitor I can eat as much bacon and cookies as I want to. He is a cardiologist so I figure he should know best.“

Laut der Studienautoren hat sich diese Denkweise in den üblichen Umfragen nicht so herauskristallisiert: „Die Tweets deuten an, dass die Fett- und Kalorien-Zufuhr bei Menschen, die Statine einnehmen, zunimmt“, schließen sie aus ihrer Auswertung. Auf der anderen Seite werde deutlich, dass jene, die statt Statine ihren Lebensstil verändert hätten, sich gesünder ernährten. In Studien sind zum Teil gegenteilige Ergebnisse herausgekommen, also dass sich die Kalorienzufuhr nach Statinbeginn nicht verändert oder sogar eher abnimmt. Aber es gibt auch Untersuchungen, die der Twitter-Stimmung entsprechen (dazu lesen Sie mehr in diesem Beitrag).

4. Wie Statine angeblich wirken

Einen gewissen Einblick gewähren die Twitter-Kommentare über die verbreiteten Meinungen, wie gut oder schlecht Statine wirken:

  • „Rosuvastatin is good stuff. LDL went from 165 to 43 in 3 mo on 20 mg.”
  • „#HealthTip: Know your risks and benefits: For every 255 people who take the cholesterol-lowering medications called statins (eg, Lipitor, Crestor), 5.4 people are saved from a stroke or heart attack while 1 person develops diabetes as a side effect.”

Einige der englischsprachigen Tweets beschäftigten sich auch mit den Kosten der Therapie, ob diese beispielsweise von dem Gesundheitssystem übernommen werden, wie viel die generischen Präparate kosten usw.

Social Media für künftige Untersuchungen nutzen

Für die Zukunft nehmen die US-Wissenschaftler aus dieser Untersuchung mit, dass Analysen von Social-Media-Aktivitäten die gängige Forschungsarbeit bereichern können. „Durch Social Media haben sich tatsächlich extreme Meinungen ausfindig machen lassen, die durch traditionelle Untersuchungen nicht immer sichtbar werden“, erläutern sie die Vorteile einer solchen Auswertung.

Fraglich ist allerdings, ob die Twitter-User wirklich das Gros der Bevölkerung widerspiegeln. Vielleicht äußern sich eben genau die Menschen bevorzugt über solche Kanäle, die unzufrieden mit der Therapie sind oder schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die Generalisierbarkeit der Ergebnisse sei eine Limitation der Studie, machen auch Goldner und Kollegen deutlich.

Ob die Angaben auf Twitter immer der Wahrheit entsprechen, ist selbstverständlich ebenfalls zu hinterfragen, wobei es diesen Bias bei Umfragen, Interviews usw. ebenfalls zu berücksichtigen gilt.

Da es sich nur um englischsprachige Tweets handelte, ist zudem unklar, inwieweit die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind. Hierzulande ist der Umgang mit Social Media womöglich ein anderer als beispielsweise in den USA.

Literatur

Golder S et al. Assessment of Beliefs and Attitudes About Statins Posted on Twitter: A Qualitative Study. JAMA Netw Open. 2020;3(6):e208953. doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.8953

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