Skip to main content
main-content

10.11.2017 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Prävention

Weniger Krebs dank Vitamin-K-Antagonisten?

Autor:
Philipp Grätzel

Eine norwegische Kohortenstudie erweckt den Anschein, dass die Krebsinzidenz bei Patienten, die Vitamin-K-Antagonisten einnehmen, geringer sein könnte als bei Menschen ohne diese Therapie.

Bei der Behandlung von Patienten mit Vorhofflimmern und in der Prävention von tiefen Venenthrombosen werden Vitamin-K-Antagonisten (VKA) zunehmend durch Nicht-Vitamin-K orale Antikoagulanzien (NOAK) ersetzt. Für die Patienten ist das bequemer – aber ist es an anderer Stelle womöglich von Nachteil? Eine norwegische, populationsbasierte Kohortenstudie wirft diese Frage jetzt auf. Untersucht wurde, wie eine Therapie mit VKA mit der Krebsinzidenz zusammenhängen könnte.

Die Studie bezieht sich auf gut 1,2 Millionen Menschen, die zwischen 1924 und 1954 geboren wurden. Daten wurden zwischen 2004 und 2012 gesammelt. In dieser Zeit trat bei 10,6 % der Studienteilnehmer Krebs auf. 7,4 % aller Studienteilnehmer wurden als Patienten mit VKA-Behandlung gewertet. Um den Bias gering zu halten, wurden bei Patienten, die VKA einnahmen, die Jahre vor Beginn der Einnahme der Gruppe der Nicht-VKA-Patienten zugerechnet.

Niedrigere Inzidenzen bei zahlreichen Krebsentitäten

Das Ergebnis ist recht beeindruckend. Bezogen auf alle Krebsentitäten hatten VKA-Patienten ein um 16 % geringeres Risiko von Krebsneuerkrankungen. Beim Lungenkrebs waren es 20 %, beim Prostatakrebs 31 % und beim Brustkrebs 10 %. Lediglich beim Kolonkarzinom und bei Hauttumoren gab es keinen Unterschied. Interessanterweise gab es auch dann keinen Unterschied zwischen den Gruppen, wenn zwischen Beginn der VKA-Therapie und Krebsdiagnose weniger als zwei Jahre lagen.

Die Wissenschaftler haben sich auch die Subgruppe der Patienten, die VKA wegen Vorhofflimmern oder Vorhofflattern einnahmen, separat angesehen. In dieser Subgruppe ist der Unterschied zur Kontrollgruppe noch ausgeprägter, und auch für das Kolonkarzinom wird die statistische Signifikanz erreicht. Die Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass tiefe Venenthrombosen in einigen Fällen Paraneoplasien sind. Hier könnte es also einen Bias zuungunsten der VKA-Gruppe geben, der in der Gruppe der Patienten mit VKA-Therapie wegen Vorhofflimmerns nicht besteht.

Die Wissenschaftler spekulieren auch über mögliche Mechanismen eines postulierten chemoprotektiven Effekts von Warfarin, dem in Norwegen eingesetzten VKA. So sei in Tiermodellen wiederholt gezeigt worden, dass Warfarin einen Signalweg (GAS6-AXL) hemmt, der unabhängig von den gerinnungshemmenden Effekten die Tumorgenese fördert, indem gegen den Tumor gerichtete Immunreaktionen gebremst werden. Die These wäre demnach, dass VKA die immunologische Tumorabwehr stärken könnte. Dazu passe, dass autoimmunologische Erkrankungen (selten) als eine unerwünschte Wirkung der VKA-Therapie auftreten können, so die Autoren.

In einigen Punkten gibt es Verzerrungspotenzial

Es gibt natürlich schon ein paar Störgrößen, die berücksichtigt werden müssen, bevor VKA vorschnell als potentes Chemoprotektivum für Krebs angepriesen werden. Zum einen könnte es sein, dass Patienten mit erhöhtem Krebsrisiko weniger VKA verordnet bekommen. Die norwegischen Wissenschaftler halten das für unwahrscheinlich und haben dafür einige bekannte Krebsrisikofaktoren analysiert. Wenn überhaupt, dann waren die in der VKA-Gruppe eher häufiger.

Schwerer wiegt, dass VKA-Patienten mehr Komorbiditäten hatten als Nicht-VKA-Patienten. Das könnte deswegen relevant sein, weil morbiditätsbedingt oder auch wegen der Blutverdünnung möglicherweise weniger Screening-Programme auf Krebsvorstufen in Anspruch genommen werden. Anhand der verfügbaren Daten konnte das nicht analysiert werden. Es gab auch keine Informationen über Krebsdiagnosen vor dem Studienzeitraum, sodass einige der scheinbaren Neuerkrankungen Rezidive gewesen sein dürften, was die Ergebnisse ebenfalls verzerrt.

Literatur

Weiterführende Themen

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

18.04.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Was gibt's Neues bei der Herzinsuffizienz?

Kürzere Krankenhaus-Verweildauern hält Prof. Michael Böhm bei Herzinsuffizienz-Patienten für gefährlich. Die Gründe für seine Bedenken und was es sonst noch Neues in der Therapie der Herzschwäche gibt, erfahren Sie in diesem Video. 

29.06.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Highlights | Video

Update Endokarditis – was die Leitlinien sagen

Alles Wichtige zur Endokarditis – von Beschwerden, Komplikationen bis hin zur Therapie und den neuesten Leitlinien-Empfehlungen – erfahren Sie von Prof. Stefan Frantz.

Aus der Kardiothek

12.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Neue medikamentöse Therapien für die Herzinsuffizienz

Wie Sie ARNI bei Patienten mit systolischer Herzinsuffizienz korrekt einsetzen, erfahren Sie in diesem Video. Prof. Michael Böhm gibt einen Überblick über alle neue medikamentösen Therapiemöglichkeiten der Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion.

12.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Interventionelle Therapie der Herzinsuffizienz: Was gibt's Neues?

Für die Herzinsuffizienz werden immer mehr interventionelle Therapieansätze entwickelt. Was heute bereits auf dem Markt ist und was in Zukunft möglich sein wird, darüber berichtet PD Dr. Philipp Raake. 

09.07.2018 | DGK-Jahrestagung 2018 | Expertenvorträge | Video

Neuer Therapieansatz für die diastolische Herzinsuffizienz (HFpEF)

Bisher gibt es keine Therapie, mit der sich eine Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF) spezifisch behandeln lässt. Doch es gibt Hoffnung. Prof. Gerd Hasenfuß stellt ein neues interatriales Shunt-Device (IASD) vor. 

Interventioneller Verschluss eines Atriumseptumdefekts

Vortrag Prof. Dr. Horst Sievert Jahrestagung DGK 2018

Bei einem 56-jährigen Patienten wird zufällig ein Atriumseptumdefekt festgestellt.  Prof. Horst Sievert und sein Team vom St. Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt entscheiden sich für einen interventionellen Verschluss. Sie finden dabei ein weiteres Loch. Was ist zu tun? Für welches Device sich das Team entscheidet und wie sie genau vorgehen, erfahren Sie in diesem Video. 

29-jähriger Patient mit wiederkehrender Rhythmusstörung

Anspruchsvolle Katheterablation einer links gelegenen Leitungsbahn

Live Case 2017 Stents und mehr - AGIK trifft EACPI

Ein 29-jähriger Patient mit Wolff-Parkinson-White-Syndrom leidet an erneuten supraventrikulären Tachykardien. Die erste Katheterablation war schon anspruchsvoll. Prof. Helmut Pürerfellner,  Dr. Livio Bertagnolli und Dr. Philipp Sommer aus Leipzig machen sich auf die  Suche nach der Leitungsbahn.

Suche nach dem Ursprungsort

Mit 3D-Mapping-Systemen zur erfolgreichen VES-Ablation – 4 Fälle aus der Praxis

DGK 2017 LIVE-in-the-box_VES-Ablation mit 3D-Mapping

Mithilfe von 3D-Mapping-Systemen kann der Ursprungsort ventrikulärer Extrasystolen (VES) lokalisiert werden. PD Dr. Rudolfo Ventura aus Bremen stellt 4 spannende Fälle aus der Praxis vor, und zeigt, wie das 3D-Mapping selbst bei anfänglichen Schwierigkeiten zur erfolgreichen Ablation verhelfen kann.

Bildnachweise