Nachrichten 27.12.2018

Fischöl? – Ja, aber bitte mit Gräten!

Zum aktuellen Stand der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Omega-3-Fettsäuren nimmt als Experte Prof. Dr. Stephan vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf Stellung.

Keine anderen Nahrungsergänzungsmittel werden so oft gekauft wie Fischöl-Kapseln. Hintergrund dafür sind Hinweise aus epidemiologischen Studien, dass sich viel Fisch in der Ernährung günstig auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt. Schnell waren Omega-3-Fettsäuren identifiziert, die für den Schutzeffekt verantwortlich zu sein scheinen. Warum sich über Gräten in Fischen ärgern, wenn es auch einfacher geht: Einfach eine Kapsel mit dem entsprechenden Öl einwerfen und schon ist man geschützt!

Das Konzept klingt überzeugend. Leider fehlt aber die wissenschaftliche Evidenz dafür, dass man mit solchen Produkten wirklich die Raten an Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Herz-Kreislauf-Sterblichkeit günstig beeinflussen kann. Das bestätigt jetzt auch eine aktuelle Zusammenfassung der wissenschaftlichen Literatur, die Forscher der renommierten Cochrane Library auf über 700 Seiten vorgenommen haben (Cochrane Database Syst Rev. 2018;11:CD003177). Zwei ganz brandaktuelle Arbeiten wurden dabei noch gar nicht berücksichtigt. An der ASCEND-Studie nahmen über 15.000 Personen mit Diabetes mellitus ohne bekannte kardiovaskuläre Erkrankungen teil (es wurde nicht zwischen Typ 1 und Typ 2 unterschieden). Sie wurden entweder mit Fischöl-Kapseln oder Placebo behandelt. Ergebnis: Nach über sieben Jahren gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in Hinblick auf schwerwiegende vaskuläre Ereignisse (NEJM. 2018;379:1540-50).

Bei Menschen mit Diabetes mellitus ist das kardiovaskuläre Risiko deutlich erhöht. Es stellt sich daher die Frage, ob Fischöl-Kapseln in der Primärprävention bei Menschen mit einem geringeren Risiko eher wirken. In die VITAL-Studie wurden über 25.000 Personen mit niedrigem kardiovaskulären Risiko eingeschlossen (NEJM. 2018; online 10. November). Auch hier ergab die Behandlung mit Fischöl-Kapseln im Vergleich zu Placebo-Therapie über 5,3 Jahre keine Unterschiede in den Raten an schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen und ebenso bei den Krebserkrankungen.

Die in diesen Studien verwendeten Fischöl-Kapseln enthielten Mischungen aus Eicosapentaen- und Docosahexaensäure, wie sie auch in den in Deutschland verfügbaren Präparaten enthalten sind. Für solche Fischöl-Präparate gibt es jetzt eine eindeutige wissenschaftliche Evidenz: Sie tragen nicht zur Verhinderung kardiovaskulärer Erkrankungen bei. Dies sollten wir gegenüber unseren Patienten auch klar zum Ausdruck bringen – wohlwissend, dass bei vielen die Werbeversprechungen der Firmen mehr Gehör finden werden.

Wer nun aber glaubt, die wissenschaftliche Geschichte der Fischöl-Kapseln sei abgeschlossen, irrt sich! In die REDUCE-IT-Studie wurden Menschen mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko eingeschlossen; das heißt, bei ihnen war eine kardiovaskuläre Erkrankung oder ein Diabetes mellitus bekannt. Einschlusskriterien waren zudem außer einer Statintherapie auch erhöhte Triglyzeride.

In der doppelblinden Placebo-kontrollierten Studie wurde jedoch keine Fischöl-Mischung gegeben, sondern hochgereinigte Ethyl-Eicosapentaensäure (zweimal täglich 2 Gramm) (NEJM. 2018; online 10. November).

Ergebnis: In knapp fünf Jahren trat bei 17,2 Prozent in der Fischöl-Gruppe und bei 22 Prozent in der Placebo-Gruppe ein primärer Endpunkt auf. Dieser bestand aus nicht-tödlichem Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärem Tod, instabiler Angina pectoris oder koronarer Revaskularisation. Die relative Risikoreduktion betrug danach 25 Prozent (p < 0,001), mit einer „number needed to treat“ von 21. Das Ergebnis ist erstaunlich, zumal zu Studienbeginn die mittleren LDL-Cholesterinwerte der Teilnehmer bei 74 mg/dl (Behandlungsgruppe) und 76 mg/dl (Placebo-Gruppe) lagen.

In Deutschland ist das verwendete Präparat (noch) nicht erhältlich. Wir können daher Patienten, die ihre Gefäße schützen wollen, aktuell nur raten, dass sie Fischöl ruhig verzehren sollten – aber bitte mit Gräten!

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen