Nachrichten 07.10.2016

Fitness-Tracker selbst mit Geldanreizen wirkungslos

Das Tragen eines Fitness-Trackers konnte in einer randomisierten Studie die Aktivität der Teilnehmer nicht merklich steigern – auch dann nicht, wenn finanzielle Anreize geschaffen wurden.

Menschen lassen sich dauerhaft wohl nur schwer dazu bewegen, einen kabellosen Fitness-Tracker zu tragen, um damit ihre körperliche Aktivität zu steigern. Selbst wenn finanzielle Anreize geschaffen werden, lässt die Effektivität der tragbaren Aktivitäts-Tracker langfristig zu wünschen übrig, wie eine aktuelle Studie aus Singapur nun offenbart.

Damit erleben die zunehmend beliebter werdenden elektronischen Geräte in ihrem Dasein als potenzielle Hilfsmittel in der Prävention eine erneute Schlappe. Denn erst in einer kürzlich publizierten randomisierten Studie nahmen übergewichtige Personen durch das Tragen eines Aktivitäts-Trackers nicht mehr an Gewicht ab als mit einer üblichen Lebensstilintervention (https://www.kardiologie.org/herz-und-sport/tragbare-fitness-tracker-beim-abnehmen-eher-hinderlich-/10737744).

Für eine gewisse Schrittzahl gibt es Geld

In dieser randomisierten kontrollierten Studie namens TRIPPA ging es nun darum, zu überprüfen, in welchem Ausmaß Aktivitäts-Tracker – mit oder ohne finanzielle Anreize – die körperliche Aktivität und die Allgemeingesundheit berufstätiger Personen positiv beeinflussen können. 

Dafür teilten die Studienautoren um Eric Finkelstein von der Duke-NUS Medical School in Singapur 800 Berufstätige (die meisten mit sitzender Bürotätigkeit) einer von vier Gruppen zu: Der Kontrollgruppe wurden nur Informationen zur körperlichen Aktivität angeboten, eine Gruppe erhielt einen Aktivitäts-Tacker, den sie an der Hüfte tragen sollten (Fitbit Zip), ein Teil der Probanden bekam zusätzlich über einen Zeitraum von sechs Monaten 15 Singapur-Dollar (SGD), wenn sie es schafften 50.000–70.000 Schritte pro Woche zurückzulegen, und 30 SGD (etwa 20 Euro) für mehr als 70.000 Schritte, entweder für sich selbst oder für einen guten Zweck.

Kurzfristige Motivationshilfe

Der Geldanreiz brachte die Teilnehmer tatsächlich dazu, sich körperlich mehr zu bewegen: Pro Woche vollzogen sie im Schnitt 13 Minuten mehr körperliche Aktivität im moderaten bis intensiven Bereich (moderate-to-vigorous physical activity, MVPA) als zuvor; die tägliche Schrittzahl stieg um 570 – allerdings nur, wenn sie das Geld für sich bekamen. In der Gruppe, in der die Einnahmen für wohltätige Zwecke gespendet wurden, blieb die Aktivität der Probanden recht konstant (plus 5 MVPA Minuten/Woche), ebenso wie bei denen, die nur den Fitness-Tracker ohne Geldzuwendungen trugen (plus 0 MVPA Minuten/Woche). Die Kontrollgruppe bewegte sich im Schnitt sogar weniger als zu Studienbeginn; das traf vor allem auf die zu, die sich vorher eigentlich ausreichend bewegt hatten (–39 Minuten pro Woche). 

Doch langfristig ohne Wirkung 

Die Motivation der Teilnehmer in der Gruppe mit finanziellen Zuwendungen ging allerdings merklich zurück, nachdem diese nach sechs Monaten eingestellt wurden. Nach zwölf Monaten erreichte das Ausmaß ihrer körperlichen Bewegung wieder das Ausgangsniveau. Nur die Probanden mit einem Fitness-Tracker ohne finanzielle Anreize erreichten eine Verbesserung im Vergleich zum Ausgangswert (plus 16 MVPA Minuten/Woche).

Nicht verwunderlich ist es, dass keines der Interventionen den Gesundheitszustand der Teilnehmer, evaluiert anhand des BMI, Blutdrucks, VO2max und der Lebensqualität, positiv zu beeinflussen vermochte. Denn der Zuwachs an körperlicher Aktivität war selbst in der Gruppe mit Geldzuwendungen nur gering – und das obwohl die Teilnehmer im Mittel 620 SGD (etwa 400 Euro) eingenommen hatten. 

Am Ende trugen den Fitness-Tracker nur wenige

Erwähnenswert ist zudem, dass nach sechs Monaten bereits 40% der Teilnehmer aufgehört haben, den Fitbit zu tragen; nach zwölf Monaten nutzen diesen gerade mal noch 10%. 

Ein Allheilmittel gegen die weiter zunehmenden Wohlstandserkrankungen sind die tragbaren Fitness-Tracker nach Ansicht von Studienautoren deshalb nicht, auch wenn sie vielleicht eine kurzzeitige Motivationshilfe darstellten. Anreize finanzieller Natur müssten wahrscheinlich über längere Zeit bestehen bleiben, um einen Einfluss auf die Gesundheit ausüben zu können, schreiben sie in der entsprechenden Publikation in the Lancet Diabetes & Endocrinology. Allerdings sei es nur schwer vorstellbar, dass irgendwelche Institutionen derartige finanzielle Aufwendungen ohne einen Beweis für deren Nutzen aufbringen werden. 

Da die meisten der Teilnehmer chinesischer Abstammung waren, lassen sich diese Ergebnisse nicht auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen. Auch weisen Finkelstein und Kollegen darauf hin, dass die Studienteilnehmer womöglich von Beginn an im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung recht hohe Aktivitätslevel aufwiesen.  

Literatur

Finkelstein E, Haaland B, Sahasranaman A et al. Effectiveness of activity trackers with and without incenctives to increase physical activity (TRIPPA): a randomised controlled trial. Lancet Diabetes Endocrinol 2016, published online October 4, 2016 DOI: 10.1016/S2213-8587(16)30284-4

Live-Quiz EKG – melden Sie sich jetzt kostenlos an

Wie gut kennen Sie sich mit dem EKG aus? Und was machen Sie, wenn Sie einen auffälligen Befund vor sich haben? Testen Sie Ihr Wissen in unserem interaktiven Live-Quiz EKG am Mittwoch, 09.12.2020, um 17:00 Uhr auf Kardiologie.org. 
Dr. Martin Neef vom Universitätsklinikum Leipzig stellt Ihnen verschiedene EKG-Befunde vor. Stimmen Sie live für die richtige Antwort ab oder stellen Sie Ihre Fragen im Chat – alles natürlich anonym. Melden Sie sich jetzt kostenlos an, die Plätze sind begrenzt!

Highlights

AHA-Kongress 2020 *virtuell*

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Spezielles Training hilft bei pulmonaler Hypertonie

Lebensqualität, Gehstrecke, maximale Sauerstoffaufnahme – all das kann sich durch ein neues standardisiertes Trainingsprogramm für Patienten mit pulmonaler oder chronisch thromboembolischer pulmonaler Hypertonie verbessern, zeigt eine europäische Studie.

Herzinsuffizienz des HFpEF-Typs: Licht am Ende des Tunnels?

Die Suche nach prognoseverbessernden Therapien für Patienten mit Herzinsuffizienz bei erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) verlief bislang äußerst enttäuschend. Jetzt gibt es zumindest einen Hoffnungsschimmer.

Vorhofflimmern: Ablation statt Antiarrhythmika als First-Line-Therapie?

Besser gleich Ablation statt erst noch ein Versuch mit Antiarrhythmika? Zwei Studien, die der Kryoballon-Ablation eine deutlich höhere antiarrhythmische Effizienz bescheinigen, legen nahe, die Praxis der First-Line-Therapie bei paroxysmalem Vorhofflimmern zu ändern.

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
AHA-Kongress 2020
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen