Nachrichten 17.01.2022

Stillen reduziert kardiovaskuläres Risiko von Müttern

Frauen, die ihre Kinder gestillt haben, schneiden bei allen kardiovaskulären Endpunkten besser ab als Mütter, die das nicht getan haben. Das zeigt eine Metaanalyse mit fast 1,2 Millionen Frauen. Auch auf die Dauer des Stillens scheint es anzukommen.

Die bisherige Forschung macht deutlich, dass Stillen nicht nur gesundheitliche Vorteile für die Kinder hat, etwa weniger Atemwegsinfektionen und ein geringeres Sterberisiko durch Infektionskrankheiten. Auch die Mütter profitieren davon: Stillende Frauen scheinen ein niedrigeres Risiko für Typ-2-Diabetes, Brust- und Eierstockkrebs zu haben. Jetzt zeigt eine große Metaanalyse, dass sie zudem ein geringeres kardiovaskuläres Risiko haben als Mütter, die ihre Kinder nicht stillen.

Ein Forscherteam um Dr. Lena Tschiderer von der Universität Innsbruck analysierte acht Studien, die in Australien, China, Norwegen, Japan, den USA oder mehreren Ländern durchgeführt worden waren. Ihnen langen Daten aus den Krankenakten von fast 1,2 Millionen Frauen vor, die mindestens ein Kind bekommen hatten. Median waren sie bei der ersten Geburt 25 Jahre alt gewesen. Um mögliche Zusammenhänge von Stillen und dem kardiovaskulären Risiko der Mütter zu untersuchen, ermittelten die Mediziner die jeweilige Stilldauer, Anzahl der Geburten sowie kardiovaskuläre Ereignisse im späteren Leben.

Insgesamt 82% der Frauen hatte im Laufe ihres Lebens gestillt, mit einer durchschnittlichen Dauer von knapp 16 Monaten. Innerhalb der medianen Nachbeobachtungszeit von gut zehn Jahren traten mehr als 54.000 kardiovaskuläre Erkrankungen, etwa 27.000 koronare Herzerkrankungen, knapp 31.000 Schlaganfälle und fast 11.000 tödliche kardiovaskuläre Ereignisse auf.

17% niedrigere kardiovaskuläre Mortalität

Verglichen mit Müttern, die nie gestillt hatten, hatten diejenigen mit Stillzeiten ein um 11% geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Ihr Risiko für eine koronare Herzkrankheit war um 14%, das für einen Schlaganfall um 12% und das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um 17% reduziert.

Die Forschenden beobachteten eine schrittweise Risikoreduktion bezüglich aller Endpunkte für Stillzeiten von null bis zwölf Monaten. Frauen, die zwölf Monate oder länger gestillt hatten, hatten ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, als diejenigen, die nie gestillt hatten. Bei Frauen, die länger als zwölf Monate stillen, scheint sich das Risiko für eine koronare Herzkrankheit nicht mehr weiter zu verringern, für die anderen Endpunkte lagen zu wenig Daten vor, um präzise Schlüsse ziehen zu können. Die Stärke der Assoziationen unterschied sich nicht nennenswert nach Anzahl der Schwangerschaften, Herkunft oder Alter der Frauen bei Studienbeginn.

Liegt es an den Hormonen?

Als Erklärung für die beobachteten Korrelationen nennen Tschiderer und ihr Team mehrere mögliche Theorien. Etwa könnten die beim Stillen ausgeschütteten Hormone dafür verantwortlich sein. Für Prolaktin seien die Ergebnisse noch widersprüchlich, während mehrere Studien auf eine positive Wirkung von Oxytocin auf das Herz-Kreislauf-System hinweisen. Auch, dass Stillen möglicherweise den Gewichtsverlust von Frauen nach einer Geburt beschleunigt, könnte für die Beobachtungen ursächlich sein. Zudem seien weitere positive Effekte des Stillens auf den Stoffwechsel der Mütter denkbar.

Nach Empfehlungen der WHO sollten Kinder bis zum Alter von sechs Monaten ausschließlich gestillt werden, dann kann mit Beikost begonnen werden. „Ärzte sollten Frauen über die Vorteile des Stillens für ihr Kind und ihre eigene Gesundheit aufklären“, raten Tschiderer und Kollegen. Die Entscheidung dafür oder dagegen sei von vielen Faktoren abhängig, zum Beispiel von der Arbeitssituation, den Erfahrungen des Umfelds, Raucherstatus, Übergewicht oder der psychischen Gesundheit der Frauen. „Interventionen zum Fördern und Erleichtern des Stillens, etwa Stillprogramme, sollten umgesetzt und verstärkt werden“, schließen Tschiderer et al.

Literatur

Tschiderer L et al. Breastfeeding Is Associated With a Reduced Maternal Cardiovascular Risk: Systematic Review and Meta‐Analysis Involving Data From 8 Studies and 1 192 700 Parous Women. Journal of the American Heart Association 2022. https://doi.org/10.1161/JAHA.121.022746

Highlights

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautete das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. In über 300 wissenschaftliche Sitzungen konnten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu den Kernthemen der Kardiologie informieren. 

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Alternativer Radialis-Zugang kann seine vermeintliche Stärke nicht bestätigen

Von einem alternativen Zugangsweg über die distale A. radialis (dTRA) erhofft man sich eine Reduktion von Radialisverschlüssen. In einer großen randomisierten Studie hat sich diese vermeintliche Stärke der dTRA aber nicht bestätigen lassen. Trotzdem, so der Studienautor, gebe es Argumente für die Verwendung des neuen Zugangsweges.

Hypertonie: Verringert Renale Denervation kardiovaskuläre Ereignisse?

Eine verbesserte Blutdruckkontrolle, die durch das interventionelle Verfahren der Renalen Denervation erzielt wurde, war in der bislang größten „Real World“-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit dieser Methode mit einer signifikanten Abnahme kardiovaskulärer Ereignisse assoziiert.

Wie eine Fischgräte ins Perikard gelangen kann

Ein 37-jähriger Mann wird wegen Brustschmerzen und Dyspnoe ins Krankenhaus eingewiesen. Dort machen die Ärzte eine erstaunliche Entdeckung im Perikard, für die sie nur eine Erklärung haben.

Aus der Kardiothek

ACC-Kongress 2022 im Rückblick: Die wichtigsten Studien für Sie kommentiert

Beim ACC-Kongress in Washington wurden zahlreiche Studien vorgestellt: zur Prävention, interventionellen Behandlung, Rhythmologie usw.. Experten vom Leipziger Herzzentrum haben die wichtigsten Ergebnisse für Sie zusammengefasst, und kommentieren deren Relevanz für Ihren Praxisalltag.

Patientin mit Durchblutungsstörung am Auge – was sehen Sie im Herzecho?

Bei einer Patientin mit chorioretinaler Durchblutungsstörung des linken Auges erfolgte eine transösophageale Echokardiographie mit biplanarer Darstellung im B-Bild und Farbdoppler. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 0°, CAU 30 °) einer 80-jährigen Patienten mit NSTEMI und hochgradig eingeschränkter systolischer LV-Funktion.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Kardiothek/© kardiologie.org
Webinar zum ACC-Kongress 2022/© Kardiologie.org [M]
Kardio-Quiz April 2022/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-Quiz März 2022/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg