Nachrichten 18.08.2016

Geld für den Rauchstopp – auch langfristig effektiv?

Geld allein macht einen Raucher wohl nicht zum Nichtraucher. Einen ersten Anreiz auf dem Weg zur Nikotinabstinenz könnten größere finanziellen Zuwendungen jedoch schaffen. Doch wie effektiv ist diese ungewöhnliche Entwöhnungsmaßnahme langfristig?

Mit Geld lässt sich bekanntlich viel erreichen. Doch reicht es, Raucher zu bezahlen, damit sie das Rauchen aufhören? Dieser simplen Entwöhnungsmaßnahme hat sich mittlerweile die Forschung gewidmet. Bisherige Versuche, Raucher durch finanzielle Anreize zum vorläufigen Rauchstopp zu bewegen, waren sogar relativ erfolgreich. Doch fraglich ist, ob ehemalige Raucher auch nach Einstellung der Geldzuwendungen dem Klimmstängel dauerhaft widerstehen können.

Supermarkt-Gutscheine für dauerhafte Nikotinabstinenz

Die langfristige Effektivität finanzieller Vergütungen auf die Nikotinabstinenz-Rate haben Schweizer Wissenschaftler nun in einer randomisierten Studie mit 805 für Schweizer Verhältnisse gering verdienenden Probanden aus Genf (42% Studenten, 19% arbeitslos) untersucht. Als Anreiz für den Rauchstopp erhielten die bis dato täglich rauchenden Teilnehmer Gutscheine für eine große Schweizer Supermarktkette (im Schnitt 1.500 Schweizer Franken, CHF). 

In den folgenden sechs Monaten stieg der Geldwert der Gutscheine sukzessive, wenn die Teilnehmer es schafften, abstinent zu bleiben; danach wurden die Zuwendungen eingestellt. Die von der Teilnehmern angegebene Nikotinabstinenz wurde biochemisch mithilfe eines Kohlenmonoxids-Tests und dem Nikotin-Gehalt im Speichel verifiziert. Alle Probanden wurden zudem angeregt, an einem internetbasierten Raucherentwöhnungsprogramm teilzunehmen und einen Freund oder Familienmitglied als emotionale Unterstützung zu engagieren; die Kontrollgruppe bekam jedoch keine finanziellen Anreize.

Anreize schaffen 

Nach sechs Monaten – also zum Zeitpunkt, an dem die finanziellen Zuwendungen gestoppt wurden – hatten 35,9% der Probanden in der Interventionsgruppe in den letzten sechs Monaten nicht mehr geraucht, in der Kontrollgruppe waren es nur 5,7%; die Rate der Sieben-Tage-Abstinenz lag entsprechend bei 44,6% und 11,1%. Ein Anreiz, das Rauchen aufzuhören, scheint also mit dieser Vergütung geschaffen worden zu sein. 

Rückfall-Quote ist hoch

Nach Einstellung der finanziellen Anreize wurden die Probanden in der Interventionsgruppe allerdings zunehmend rückfällig: Nach 18 Monaten ließ sich bei 9,5% die Nikotinabstinenz innerhalb der letzten 12 Monaten biochemisch bestätigen, in der Kontrollgruppe war das bei 3,7% der Fall. Trotz allem waren zu diesem Zeitpunkt bei den Probanden, die finanzielle Anreize erhalten hatten, mehr als doppelt so viele abstinent als bei den Teilnehmern der Kontrollgruppe.

Effektivität ähnlich wie bei anderen Entwöhnungsmaßnahmen

Für die Studienautoren Jean-Francois Etter und Felicia Schmid von der Universität Genf spricht dieses Ergebnis daher dafür, dass größere finanzielle Zuwendungen bei Geringverdienern die Anzahl dauerhafter Nikotinabstinenzler erhöhen könnten. Die Rückfall-Quoten zwischen dem 6. und 18. Monat seien zwar hoch, aber ähnlich wie in der Kontrollgruppe (56% und 66%). Darüber hinaus sei die Effektivität dieses Ansatzes mit einer „Number Needed to Treat“ (NNT) von 17,4 ähnlich gut wie die von Nikotinkaugummis, Bupropion (Medikament zur Raucherentwöhnung) oder eines intensiven, ärztlich begleiteten Raucherentwöhnungsprogrammes, argumentieren sie. 

Aber wie viel Geld ist nötig?

Doch wie viel soll ein Rauchstopp kosten und wer soll das bezahlen? Die Teilnehmer dieser Studie hätten bis zu 1.650 Dollar erhalten, bei einer NNT von 17 würden es somit 28.050 Dollar kosten, um einen zusätzlichen dauerhaften Nichtraucher zu gewinnen, schreiben Jospeh Ladapo (University of California) und Judith Prochaska (Stanford University) in einem begleitenden Editorial. „Man muss sich somit fragen, wer gewillt ist, das zu bezahlen“, geben sie zu bedenken. Zudem müsse man die Kosten-Nutzen-Effektivität dieses Ansatzes im Vergleich zu anderen Entwöhnungsmaßnahmen untersuchen. 

Des Weiteren sei unklar, wie hoch die finanzielle Zuwendung in Abhängigkeit vom Einkommen, Bildung, usw. sein muss, um Raucher zum Aufhören zu motivieren. Ein Gutverdiener wird sich kaum von 100 CHF beeindrucken lassen, wohingegen diese Summe für einen Studenten durchaus einen Anreiz darstellen könnte. 

Ebenso kritisch ist nach Ansicht der Editorial-Autoren die Frage, wann überhaupt bezahlt wird: wenn das Ziel erreicht wird oder schon, wenn man sich auf dem richtigen Weg befindet, etwa an einem Entwöhnungsprogramm teilnimmt oder eine Nikotinersatztherapie beginnt? 

Bis diese offenen Fragen geklärt sind, bleibt wahrscheinlich der bisherige Ansatz, Raucher über die Tabaksteuer zum Verzicht zu animieren, der probatere Weg.  

Literatur

Etter J-F, Schmid F. Effects of large financial incentives for long-term smoking cessation: a randomized trial. J Am Coll Cardiol. 2016;68:777–785.
Ladapo JA, Prochaska JJ. Paying smokers to quit: Does it work? Should we do it? J Am Coll Cardiol. 2016;68:786–788.

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