Interviewt wurde:

Prof. Dr. Tanja Rudolph

Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen

Interview: Joana Schmidt

Onlineartikel 07.11.2019

Gendermedizin: Frauen werden anders herzkrank

Über den gar nicht so kleinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Herzerkrankungen referierte Prof. Tanja Rudolph bei den DGK-Herztagen in Berlin. Worauf es dabei ankommt, erklärt sie im Interview.


Welche Besonderheiten gibt es in der kardiovaskulären Prävention bei Frauen?

Rudolph: Problematisch ist vor allem, dass Frauen sowohl in der Primär-, als auch in der Sekundärprävention weniger konsequent behandelt werden als Männer. Am ausgeprägtesten ist das bei der Behandlung der Dyslipoproteinämie. Neben den klassischen Risikofaktoren sind Frauen häufiger von nicht traditionellen Risikofaktoren, unter anderem Depression, Umwelt und Einkommensdefiziten betroffen, und diese induzieren bei Frauen zum Beispiel ein höheres Infarktrisiko als bei Männern. Zusätzlich sind noch die geschlechtsspezifischen Risikofaktoren wie Gestationsdiabetes und Hypertonie sowie Präeklampsie zu nennen. Diese erhöhen das kardiovaskuläre Risiko enorm. Patientinnen mit Problemen während der Schwangerschaft müssen zur optimalen Primärprävention stringent einmal jährlich zur Blutdruck- und metabolischen Kontrolle gesehen werden.


Inwiefern unterscheiden sich die kardiovaskulären Risikofaktoren von Männern und Frauen?

Rudolph: Die Prävalenz der Risikofaktoren ist geschlechtsabhängig. So leiden Frauen häufiger an Diabetes, Adipositas, körperlicher Inaktivität und Hypertonie, Männer häufiger an Nikotinabusus und Dyslipoproteinämie. Einige Risikofaktoren wirken sich bei Frauen negativer auf kardiovaskuläre Ereignisse aus als bei Männern. Hier sind vor allem Diabetes und Nikotinabusus zu nennen.


Werden Frauen in klinischen Studien ausreichend berücksichtigt und warum ist das wichtig?

Rudolph: Frauen sind in den meisten kardiovaskulären Präventionsstudien deutlich unterrepräsentiert. Somit lassen einige große Studien zum Teil nur eingeschränkt Rückschlüsse auf die optimale Behandlung von Frauen zu.


Warum sind Frauen in absoluten Zahlen seltener von Herzerkrankungen betroffen, sterben aber häufiger daran?

Rudolph: Das Lebenszeitrisiko für kardiovaskuläre Ereignisse ist für Frauen und Männer gleich. Frauen sind im Schnitt nur zehn Jahre später betroffen. Die höhere Sterblichkeit kann zum einen daran liegen, dass Frauen dann oft mehr Komorbiditäten haben, sodass sie eher sterben, wenn zum Beispiel ein Infarkt auftritt. Aber auch Aspekte, wie die größere Zeitverzögerung bei Frauen mit STEMI, die vor allem daran liegt, dass Frauen später den Notarzt informieren, führen zu einer höheren Sterblichkeit.


Was sollte sich in der Praxis ändern?

Rudolph: Die gezielte Aufklärung der Frauen und der betreuenden Ärzte ist ganz entscheidend. Kardiovaskuläre Erkrankungen dürfen nicht als „männliche“ Erkrankungen angesehen werden. Es muss also die Wahrnehmung für die kardiovaskuläre Erkrankung der Frau erhöht werden. Wichtig ist es auch die Patientinnen genauso stringent wie die Männer zu behandeln. Außerdem müssen die nicht klassischen und geschlechtsspezifischen Risikofaktoren mehr berücksichtigt bzw. die Frauen danach konsequenter gescreent werden.

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Prof. Dr. Tanja Rudolph/© Rudolph