Nachrichten 19.02.2020

6 Mythen über Milch

Kann der Mensch ohne Milch leben? Fachgesellschaften empfehlen aus gesundheitlichen Gründen den täglichen Verzehr von Milchprodukten. Die Autoren eines im „New England Journal of Medicine“ erschienenen Reviews sind anderer Meinung.

Der Kuhmilch werden zahlreiche Wirkungen auf die Gesundheit nachgesagt, positive wie negative, auch auf das Herz-Kreislauf-System soll sich der Verzehr des tierischen Produkts auswirken. Was davon stimmt? 

Zwei bekannte Ernährungswissenschaftler von der Harvard Medical School in Boston haben nun im „New England Journal of Medicine“ die Evidenz zu den gesundheitlichen Effekten von Milch zusammengetragen – und räumen mit folgenden Irrtümern auf:  

1. Viel Milch ist nötig für die Knochengesundheit

Eine weit verbreitete Annahme ist, dass man viel Milch zu sich nehmen sollte, um eine angemessene Knochenmineraldichte aufzubauen. Unter anderem aufgrund des in Milch enthaltenen Kalziums empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), täglich Milchprodukte wie Joghurt und Käse zu konsumieren. Prof. Walter Willett und Prof. David Ludwig relativieren in ihrem Review diese Auffassung: Im Großen und Ganzen spreche die Evidenz bei Erwachsenen nicht dafür, dass sich mit höheren Verzehrmengen von Milchprodukten Knochenbrüche verhindern lassen.

Ebenfalls hinterfragen die Wissenschaftler das Dogma, dass Kinder und Jugendliche besonders viel Kalzium aufnehmen müssten als Garantie für eine lebenslange Knochengesundheit. Die Evidenz sei hier weniger eindeutig als bei Erwachsenen, da Kinder in der Wachstumsphase einen höheren Nährstoffbedarf hätten und dieser durch Kuhmilch womöglich gedeckt werden könnte. 

Die DGE empfiehlt für Erwachsene eine tägliche Kalziumzufuhr von 1000 mg/Tag, für Jugendliche (13 bis 15 Jahre) 1.200 mg/Tag und Säuglinge (0-4 Monate) 220 mg/Tag .

Allerdings weisen die Experten auf eine Studie hin, die gezeigt hat, dass der Kalziumhaushalt von Mädchen in der frühen Pubertät positiv war, selbst wenn diese am Tag weniger als 400 mg Kalzium aufgenommen hatten. Laut der Wissenschaftler liegt das u.a. daran, dass der Körper die Absorption von Kalzium hochreguliert, wenn die über die Nahrung aufgenommene Zufuhr gering ist.

Ebenso weisen die Ernährungsexperten darauf hin, dass sich alle in der Kuhmilch enthaltenen wichtigen Nährstoffe auch durch andere Lebensmittel beziehen lassen. Ihrer Ansicht nach ist sogar ein normales Wachstum während der Kindheit ohne die Zufuhr von Kuhmilchprodukten möglich. In solchen Fällen müsste der Nährstoffbedarf allerdings durch andere hochwertige Nahrung ausglichen werden, betonen sie, dazu gehöre auch die Supplementierung von B12, der Verzehr anderer Tierprodukte und von Vitamin D.

2. Fettarme Milch hilft beim Abnehmen

Wer auf sein Gewicht achten muss, sollte fettarme Milch trinken – eine gängige Diätempfehlung. Doch es ist, wenn überhaupt, wohl das Gegenteil der Fall: „Fettarme Milch scheint keine Vorteile gegenüber Vollmilch in Bezug auf die Gewichtskontrolle zu haben“, resümieren die Autoren des Reviews. „Und bei Kindern spricht die verfügbare Evidenz dafür, dass diese auf lange Sicht eher zunehmen, wenn sie fettarme Milch statt Vollmilch trinken.“

3. Viel Milch senkt den Blutdruck

Der relativ hohe Kaliumgehalt in Milchprodukten hat zu der Annahme geführt, dass ein vermehrter Verzehr solcher Nahrungsmittel den Blutdruck senken kann. Hinweise dafür lieferte beispielsweise die DASH-Studie. Die US-Wissenschaftler halten solche Aussagen jedoch für fragwürdig: Man müsse bei diesen Studien immer beachten, dass der angebliche Effekt der Milch von dem Nahrungsmittel abhängt, mit dem sie verglichen werde. Wenn Milch etwa statt gesüßter Getränke oder rotem Fleisch verzehrt wird, ist es nicht verwunderlich, wenn die Ergebnisse für die Milch positiv ausfallen. Wenn Milchprodukte wiederum durch Nüsse, Gemüse oder Früchte ersetzt würden, sehe das Ergebnis vermutlich anders aus. 

4. Fettarme Milch ist gut für den Cholesterinspiegel

Eine weitere gängige Diätempfehlung ist, fettarme Milch statt Vollmilch zu trinken, weil diese weniger gesättigte Fettsäuren enthält und dadurch der Cholesterinspiegel sinkt. Willett und Ludwig betonen allerdings, dass der Nutzen einer solchen Strategie davon abhängt, wie der Kalorienbedarf stattdessen gedeckt wird. Eine ersatzweise vermehrte Aufnahme von Kohlenhydraten senke zwar den LDL-Cholesterinspiegel, habe aber auch nachteilige Effekte, z.B. ein Anstieg von Triglyzeriden und Inflammationsmarkern. Als Alternative schlagen die Wissenschaftler vor, gesättigte durch ungesättigte Fettsäuren zu ersetzen. Die Wirkung auf das LDL-Cholesterin sei dieselbe, die negativen Effekte würden ausbleiben.

5. Milch schützt das Herz

Zu den angeblichen Herz-Kreislauf-Effekten von Milchprodukten gibt es ebenfalls kontroverse Ansichten. Prospektiven Kohortenstudien zufolge ist weder Vollmilch noch fettarme Milch eindeutig mit der Häufigkeit koronarer Herzerkrankungen oder Schlaganfällen assoziiert. Einen diesbezüglichen Mehrwert der Milch ist laut der US-Wissenschaftler für Menschen in einkommensschwachen Ländern, deren Nahrung einen hohen Stärkeanteil besitzt, zu erwarten. Bei ihnen könnte eine moderate Milch-Zufuhr aufgrund der darin enthaltenen Nährstoffe und der niedrigeren glykämischem Last zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen beitragen.

6. Milch verursacht Diabetes

Es gibt auch einige Vorbehalte gegenüber Kuhmilch, die auf geringer wissenschaftlicher Evidenz fußen. Beispielsweise wird die Kuhmilchernährung im Säuglingsalter mit der Entstehung von Typ-1-Diabetes in Verbindung gebracht. Randomisierte Studien sprechen gegen diese Theorie. Andere Hinweise sprechen wiederum dafür, dass der Konsum von Milchprodukten Typ-2-Diabetes vorbeugen kann. Auch hier ist die Kausalität fraglich.

Fazit: 0 bis 2 Portionen Milch pro Tag reichen

Am Ende ihres Reviews kommen Willett und Ludwig zu dem Schluss, dass die teilweise empfohlenen hohen Verzehrmengen von Milchprodukten mit mehr als drei Portionen pro Tag nicht begründet scheinen. Als angemesseneren Richtwert schlagen sie für Erwachsene eine Zufuhr von 0 bis 2 Portionen pro Tag vor. Die optimale Zufuhr sei jedoch von der Ernährungsweise der einzelnen Person abhängig, fügen sie hinzu. Wenn die Qualität der zugeführten Nahrung gering ist, kann Milch zu einer ausgeglicheneren Ernährungsweise beitragen. Wenn die Nahrung aus hochwertigen Lebensmittel bestehe, böten Milchprodukte wahrscheinlich keinen substanziellen Mehrwert, wenn nicht sogar nachteilige Effekte.

Literatur

Willett WC, Ludwig DS. Milk and Health. N Engl J Med 2020;382:644–54.

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