Nachrichten 06.03.2020

Kardiologen aufgepasst – Luftverschmutzung wird zur „Pandemie“

An „schlechter Luft“ sterben aktuellen Schätzungen zufolge mehr Menschen vorzeitig als an Tabakrauch oder Infektionen. Mainzer Wissenschaftler fordern deshalb, diesen kardiovaskulären Risikofaktor nicht zu unterschätzen.

Die Coronavirus-Krise lässt momentan andere gesundheitsgefährdende Risikofaktoren für die Bevölkerung etwas in den Hintergrund geraten.

Auf eine ganz andere globale Bedrohung machen nun Wissenschaftler aus Mainz aufmerksam. „Wir glauben, dass unsere Ergebnisse auf eine ‚Luftverschmutzungs-Pandemie‘ hindeuten“, wird Prof. Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz in einer ESC-Pressemitteilung zitiert.

8,8 Millionen vorzeitige Todesfälle durch schlechte Luft

Diese Aussage trifft der bekannte Kardiologe und Wissenschaftler aufgrund einer neuen Analyse, die in der Fachzeitschrift „Cardiovascular Research“ erschienen ist. 

Demzufolge hat die globale Luftverschmutzung im Jahr 2015 weltweit 8,8 Millionen vorzeitige Todesfälle verursacht und dadurch die mittlere Lebenswartung um fast drei Jahre verkürzt.

Luftverschmutzung sei einer der größten globalen Gesundheitsrisikofaktoren, mit deutlichen Auswirkungen auf die Mortalität und Lebenserwartung, vor allem bedingt durch kardiovaskuläre Erkrankungen, resümieren die Wissenschaftler um den Erstautor Prof. Jos Lelieveld, Chemiker am Max-Planck-Institut in Mainz. (Mehr zu den mechanistischen Effekten von Feinstaub auf das Herz-Kreislauf-System lesen Sie hier).

Mindestens genauso schädlich wie Rauchen

Besonders beunruhigend wirken diese Ergebnisse, wenn man diese mit den Mortalitätsraten, die durch die „klassischen“ Risikofaktoren bedingt sind, vergleicht:

  • So verkürzt Tabakrauchen die mittlere Lebenserwartung schätzungsweise um 2,2 Jahre (7,2 Millionen Todesfälle im Jahr 2015),
  • HIV/AIDS um 0,7 Jahre (1 Millionen Todesfälle) und 
  • Vektor-übertragene Infektionen wie Malaria um 0,6 Jahre (600.000 Todesfälle).

Kardiologen haben diesen Risikofaktor zu wenig beachtet

Luftverschmutzung scheint somit mindestens genauso schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit der weltweiten Bevölkerung zu haben wie Rauchen und übertrifft andere Risikofaktoren diesbezüglich bei Weitem.

Beides – Luftverschmutzung und Rauchen – seien vermeidbare Risikofaktoren, aber über die letzten Jahrzehnte sei die Luftverschmutzung deutlich weniger beachtet worden als Rauchen, besonders unter Kardiologen, gibt Münzel zu bedenken. Der Kardiologe fordert deshalb Politik und die medizinische Gemeinschaft dazu auf, diesem Risikofaktor mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Schätzungen basieren auf Modellen

Für ihre Analyse haben die Mainzer Forscher sich das ECHAM/MESSy Atmospheric chemistry – Climate (EMAC)-Modell zunutze gemacht, mit welchem sich die globale Exposition gegenüber Feinstaubpartikel (PM2,5) und Ozon (O3) berechnen lässt. Das Modell sei aus einem Klimamodell entstanden und durch gewisse Submodellierungen erweitert worden, erläutern die Autoren in der Publikation. 

Die daraus errechneten Daten für 2015 wurden mit dem neuen „Global Exposure Mortality“-Modell (GEMM) kombiniert, mit dem sich das durch PM2,5- und O3-Belastungen bedingte Sterberisiko für die Bevölkerung schätzen lässt. Im Vergleich zu dem Vorgängermodell von 2015 sind die daraus errechneten Mortalitätsraten deutlich höher, zum einen weil in dem neuen GEMM-Modell mehr Kohortenstudien aus stärker exponierten Regionen wie China und zum anderen weil darin mehr Todesursachen berücksichtigt worden sind.

Die Autoren weisen darauf hin, dass das GEMM-Modell auch zur Schätzung anderer Gesundheitseffekte verwendet wird, z.B. des durch Rauchen oder Adipositas bedingten Sterberisikos. Somit würden die mit einer solchen Schätzung einhergehenden Limitationen – egal welche – auch für andere Risikofaktoren wie dem Rauchen gelten, betonen sie.

Der Einsatz des ECHAM/MESSy-Modells ermöglichte es den Mainzer Forschern, zwischen „menschengemachten“, sog. anthropogenen Emissionen und natürlichen Emissionen z.B. durch Staubaerosole oder Waldbrände zu differenzieren. 

Laut ihren Berechnungen könnten durch die Beseitigung anthropogener Emissionen 25% bis 80% der vorzeitigen Todesfälle verhindert werden, wobei das Ausmaß der möglichen Risikosenkung sehr von den lokalen Begebenheiten abhänge.  

So viel länger könnten wir leben

Der größte Anteil der globalen Luftverschmutzung wird durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe verursacht (Emissionen durch Stromerzeugung, Industrie, Verkehr, Energienutzung in Privathaushalten, usw.), in Industrieländern sind bis zu 80% aller anthropogener Emissionen darauf zurückzuführen.

Wenn diese Ursache beseitigt wird, so die Schätzung der Mainzer Forscher, würde sich die mittlere Lebenserwartung weltweit um gut ein Jahr erhöhen. Eine Steigerung um knapp zwei Jahre wäre möglich, wenn alle menschengemachten vermeidbaren Emissionen eliminiert würden.  

Den größten Effekt auf die Mortalität hat die Luftverschmutzung derzeit in Ostasien (35%) und Südasien (32%). In Europa, wo die Emissionsbelastung zurückgegangen ist, lassen sich 9% der Todesfälle auf „schlechte Luft“ zurückführen.  

Literatur

Lelieveld J et al. Loss of life expectancy from air pollution compared to other risk factors: a worldwide perspective. Cardiovascular Research; doi:10.1093/cvr/cvaa025

Pressemitteilung der ESC: The world faces an air pollution ‘pandemic’, veröffentlicht am 3. März 2020

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Bildnachweise
Digitaler ACC-Kongress 2020/© Sergey Nivens / stock.adobe.com
Coronavirus/© Naeblys / Getty images / iStock
International Stroke Conference 2020, Los Angeles/© Beboy / Fotolia
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
Live-Case AGIK/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018