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01.07.2016 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Kardiovaskuläre Prävention

Herzgesundheit: Körperliche Aktivität im Alter ohne Nutzen?

Autor:
Veronika Schlimpert

Bei gebrechlichen, älteren Menschen scheint Bewegung das kardiovaskuläre Risiko nicht mehr beeinflussen zu können, wie eine randomisierte Studie nun offenlegt. Doch freilich sollte dies kein Grund sein, darauf zu verzichten.

Was die Herzgesundheit betrifft, scheint es nicht viel zu bringen, ältere, bereits funktionell eingeschränkte Patienten zu mehr körperlicher Aktivität zu bewegen – zumindest, wenn man die Ergebnisse der LIFE-Studie (Lifestyle Interventions and Independence for Elders) für überzeugend hält. 

In dieser randomisierten, multizentrischen Untersuchung wurde ein spezielles Bewegungsprogramm mit einem Seniorenprogramm, das altersgerechte Informationen, Workshops usw., aber keine expliziten Empfehlungen zur körperlichen Aktivität bot, an 1.635 älteren Patienten verglichen; viele der 70 bis 89-jährigen Teilnehmern waren bereits kardiovaskulär vorbelastet und wiesen eine Bewegungseinschränkung auf („Short Physical Performance Battery“, SPPB ≤9). 

150 Minuten Bewegung in der Woche

Eine Hälfte wurde angehalten, sich über einen Zeitraum von im Mittel 2,5 Jahre in der Woche mindestens 150 Minuten lang moderat zu bewegen, so wie es die aktuellen Leitlinien für Erwachsene mittleren Alters empfehlen; als individuelles Ziel festgelegt wurde eine tägliche 30-minütige Aktivität in Form von Gehen; darüber hinaus sollten die Teilnehmer jeweils zehn Minuten ein leichtes Kraft- und Gleichgewichtstraining sowie Muskeldehnung absolvieren.

Funktionalität verbessert 

Geholfen hat das Bewegungsprogramm, was den Erhalt der Funktionalität betrifft, durchaus: Die Inzidenz für schwere Mobilitätseinschränkungen sank bei den aktiven Teilnehmern um 18% im Vergleich zu denen, die an dem Seniorenprogramm teilgenommen hatten.
Auf das kardiovaskuläre Risiko allerdings hatte diese Maßnahme keinen signifikanten Einfluss; entsprechend 14,8% und 13,8% der Teilnehmer waren von einem kardiovaskulären Ereignis betroffen (Hazard Ratio: 1,10). 

Aber: Kein Einfluss auf kardiovaskuläres Risiko

Bei den Patienten mit einer deutlichen Bewegungseinschränkung (SPPB <8) sank das kardiovaskuläre Risiko geringfügig, aber signifikant nach Ausführung regelmäßiger körperlicher Aktivität (14,2% vs. 17,7% in der Vergleichsgruppe; p=0,006); für Patienten mit einem SPPB >8 hingegen zeigte sich kein solcher Benefit. Eine Erklärung dafür, dass Menschen mit einer schweren funktionellen Einschränkung mehr von Bewegung zu profitieren scheinen, finden die Studienautoren um Anne Newman von der Universität Pittsburgh allerdings nicht. Baseline-Charakteristika und Aktivitätsmuster schienen sich in den entsprechenden Subgruppen nicht zu unterscheiden. 

Warum hilft Bewegung nicht?

Ebenfalls nur mutmaßen lässt sich über die Ursache der fehlenden Wirksamkeit des Bewegungsprogrammes hinsichtlich der Herzgesundheit; immerhin haben frühere Untersuchungen genau das Gegenteil gezeigt, nämlich dass körperliche Aktivität das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei herzkranken Patienten senken kann. Allerdings ließ sich in vielen dieser Studien der Effekt der körperlichen Aktivität nicht isoliert betrachten. 

Aktivität ist nie verkehrt 

Möglicherweise seien die Teilnehmer in dieser Studie schon so stark erkrankt, dass eine entsprechende Maßnahme zu spät greift, um davon noch profitieren zu können, lautet eine Erklärung der Studienautoren. Oder der Unterschied zwischen Interventions- und Vergleichsgruppe bzgl. des Ausmaßes an Aktivität ist zu gering, um einen Effekt erzielen zu können. Die Wirkung wäre womöglich größer ausgefallen, wenn die Vergleichsgruppe aus vollkommen inaktiven Patienten oder ein längeres Follow-up gewählt worden wäre, mutmaßen Newman und Kollegen. 

In Anbetracht der vielen positiven Effekte körperlicher Aktivität, etwa auf die Funktionalität, betonten die Studienautoren, dass dieses Ergebnis kein Grund ist, älteren und gebrechlichen Patienten von der Teilnahme an entsprechenden Bewegungsprogrammen abzuraten.  

Literatur

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