Nachrichten 13.02.2020

Herzinfarkte in der Trauerphase: Können Medikamente helfen?

Ein unerwarteter Trauerfall erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei den Hinterbliebenen. Forscher fanden jetzt Hinweise, mit welchen Medikamenten sich kardiovaskuläre Risikomarker und Angstgefühle möglicherweise verringern lassen.

Der Verlust eines geliebten Menschen ist für Hinterbliebene eine emotional belastende Erfahrung. Die Zeit der Trauer ist mit Depressionen, Ängsten und Wut assoziiert, die monatelang anhalten können. Auch das Herzinfarkt- und Sterberisiko ist in dieser Phase erhöht. Frühere Studien deuten darauf hin, dass sich kardiovaskuläre Risikomarker und Ängste möglicherweise mithilfe von Betablockern und Acetylsalicylsäure (ASS) verringern lassen. Ob das tatsächlich zutrifft, wollten australische Forscher nun mithilfe einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie überprüfen.

Das erhöhte kardiovaskuläre Risiko kann bis zu sechs Monaten anhalten, schreibt die Arbeitsgruppe um Prof. Geoffrey Tofler von der Universität Sydney. Am höchsten sei es in den ersten Tagen nach dem Trauerfall, danach bleibe es bis zu einem Monat viermal so hoch wie sonst. Besonders gefährdet seien Menschen, die um ihren Ehepartner oder ihr Kind trauerten, so die Forscher.

Blutdruck, Herzfrequenz und Ängste verringert

In ihrer Studie mit 85 Teilnehmern, die kurz zuvor den Verlust ihres Partners oder Kindes erlebt hatten,  gelang es, mehrere kardiale Risikofaktoren und die Ängste der Probanden zu reduzieren, ohne den Prozess der Trauer zu beeinträchtigen.

42 Teilnehmer erhielten sechs Wochen lang niedrige Tagesdosen eines Betablockers (25 mg Metoprolol) und ASS (100 mg), 43 bekamen Placebos. Das Forscherteam überwachte Herzfrequenz, Blutdruck und Blutgerinnung der Teilnehmer. Deren Durchschnittsalter betrug 66 Jahre, 55 davon waren Frauen und 30 Männer.

Die Arzneimittel senkten Blutdruck und Herzfrequenz der Medikamentengruppe nach sechs Wochen signifikant gegenüber der Kontrollgruppe und beeinflussten die Blutgerinnung positiv: Bei der behandelten Gruppe sank der Blutdruck von durchschnittlich 135,8 auf 129,0 mmHg, während er in der Placebogruppe fast konstant bei durchschnittlich 135,4 mmHg blieb. Die Herzfrequenz der Teilnehmer, die Medikamente erhielten, sank von durchschnittlich 75,4 auf 67,1 bpm, in der Kontrollgruppe blieb sie dagegen fast unverändert bei rund 73 bpm.

Die Medikamente hatten keinen nachteiligen psychologischen Effekt, im Gegenteil, sie verringerten Ängste und Depressionen signifikant. Die niedrigeren Blutdruckwerte und verminderten Angstgefühle der Teilnehmer blieben sogar unverändert, als die Medikamente in der Interventionsgruppe nach sechs Wochen abgesetzt wurden, während sie in der Placebogruppe auf dem höheren Anfangslevel blieben.

Die Teilnehmer wurden jeweils zu Beginn der Studie, nach sechs Wochen und nach weiteren sechs Wochen befragt und untersucht. Dabei wurden ihr Blutdruck und ihre Herzfrequenz gemessen und ihnen wurde Blut abgenommen. Nach sechs Monaten mussten sie einen Fragebogen ausfüllen.

Nutzen auch bei anderem emotionalen Stress?

Größere Studien seien erforderlich, um zu überprüfen, wer am meisten von der Medikation profitieren würde, so Tofler und Kollegen. Die Ergebnisse deuten auf einen möglichen präventiven Nutzen der Strategie bei erhöhtem kardiovaskulärem Risiko hin, besonders bei Personen, die den frühen Verlust eines Angehörigen betrauern.

Nach Ansicht der Autoren könne der Ansatz möglicherweise auch bei anderen schweren emotionalen Belastungen funktionieren, etwa bei Betroffenen von Naturkatastrophen. In der bisherigen Praxis werden ASS und Betablocker üblicherweise in der kardiovaskulären Langzeitprävention eingesetzt, jedoch nicht kurzfristig und präventiv bei Schicksalsschlägen. Ehe über einen klinischen Einsatz in solchen Fällen nachgedacht werden kann, müssen weitere Studien mit größeren Patientenzahlen erst beweisen, ob sich mit einer solchen Behandlung auch harte Endpunkte beeinflussen lassen.

Literatur

Tofler G et al. The effect of metoprolol and aspirin on cardiovascular risk in bereavement: A randomized controlled trial. American Heart Journal 2020. https://doi.org/10.1016/j.ahj.2019.11.003

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Bildnachweise
eHealth in der Kardiologie/© ra2 studio / stock.adobe.com
Webinar Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern/© Kardiologie.org | Prof. Meyer [M]
Webinar Dyslipidämien mit Prof. Ulrich Laufs/© Kardiologie.org | Prof. Laufs [M]
Vortrag von M. Kreußer/© DGK 2019
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
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DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018