Nachrichten 05.07.2022

Krebsdiagnose erhöht Herzrisiko – unabhängig von traditionellen Risikofaktoren

Menschen, die eine Krebserkrankung überlebt haben, sind einem erhöhten kardiovaskulären Risiko ausgesetzt. Doch woran liegt das? Laut einer prospektiven Studie sind die bekannten Risikofaktoren größtenteils nicht dafür verantwortlich – diese Erkenntnis, postulieren die Autoren, könnte die Praxis beeinflussen.

Erwachsene, die eine Tumorerkrankung überlebt haben, erkranken häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als die Allgemeinbevölkerung, zeigt eine prospektive Analyse der ARIC-Kohorte. Das ist zwar keine ganz neue Erkenntnis. Mehrere Studien haben entsprechende Zusammenhänge bereits aufgezeigt.

Das Interessante an der Studie ist aber der Umstand, dass eine Krebsdiagnose unabhängig von andere klassischen Risikofaktoren mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert war. Bedeutet, es sind offenbar andere Mechanismen für das kardiovaskuläre Risiko von Überlebenden einer Krebserkrankung verantwortlich.

Warum erkranken Menschen mit Tumordiagnosen häufiger an Herzerkrankungen?

Bisher waren die Ursachen für den zu beobachtenden Zusammenhang zwischen einer Tumordiagnose und einem erhöhten kardiovaskulären Risiko in Studien nicht eindeutig auszumachen: Sind es gemeinsame Risikofaktoren, die sowohl die Entstehung einer Krebserkrankung als auch die Entwicklung einer Herzerkrankung begünstigen, oder trägt der Tumor selbst bzw. dessen Behandlung ursächlich zu einem vermehrten Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen bei? Laut der neuesten Studie scheint es wohl eher letzteres zu sein.

Für ihre Analyse haben Dr. Roberta Florido und ihr Team von der Johns Hopkins Universitätsklinik Daten der ARIC-Kohorte herangezogen. Insgesamt 15.792 US-Bürger sind im Rahmen dieser Studie über mehrere Jahrzehnte prospektiv nachverfolgt worden. 12.421 erwachsene Teilnehmer, die bei Studieneinschluss noch keine Krebsdiagnose hatten, wurden in der aktuellen Analyse berücksichtigt. Von diesen hatten 3.250 Patienten – also immerhin jeder vierte – während des durchschnittlichen 13,6-jährigen Follow-up eine Tumorerkrankung entwickelt.

Vor allem das Herzinsuffizienz-Risiko erhöht 

Nach Adjustierung auf gemeinsame Risikofaktoren einer Krebs- und Herzerkrankung ging eine Tumordiagnose mit einer Zunahme von 6,4 Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro. 1000 Personenjahren einer. Patientinnen und Patienten, die eine Krebserkrankung überlebt hatten, wiesen ein um 37% höheres Risiko für die Entstehung einer Herz-Kreislauf-Erkrankung auf als Personen ohne Tumordiagnose (Hazard Ratio, HR. 1,37). Besonders hoch war ihr Herzinsuffizienzrisiko – mit einer HR von 1,52. Das Schlaganfallrisiko war für Überlebende einer Tumorerkrankung dagegen nur geringfügig erhöht (HR: 1,22). Und für koronare Herzerkrankungen ließ sich gar kein entsprechender Zusammenhang nachweisen (HR: 1,11).

Tumorart beeinflusst Ausmaß der Risikoerhöhung

Interessant ist auch, dass das Ausmaß der Risikoerhöhung von der Art der Krebserkrankung abhing. So ging eine Diagnose von Lungenkrebs oder malignen hämatopoetischen/lymphatischen Erkrankungen mit einem mehr als doppelt so hohem kardiovaskulären Risiko einher, bei Brustkrebs und kolorektalen Karzinomen war das Risiko ebenfalls signifikant erhöht, bei Prostatakarzinomen gab es keinen signifikanten Zusammenhang. Die Autoren vermuten, dass die Ursache hierfür in der unterschiedlich ausgeprägten Kardiotoxizität der jeweils eingesetzten Therapieformen liegen könnte. „Zum Beispiel werden Brustkrebs und hämatopoetische/lymphatische Tumorerkrankungen typischerweise mit einer Kombination aus Chemotherapie, oft basierend auf Anthracyclinen, und Bestrahlung behandelt, beides hat bekanntermaßen ein kardiotoxisches Potenzial“, erläutern die US-Kardiologen. Im Gegensatz dazu könnten Prostatakarzinome durch Active Surveillance oder lokale Therapien behandelt werden, was kein kardiotoxisches Risiko berge, führen Florido und ihr Team aus.

Neben der Antitumortherapie könnten auch die malignen Erkrankungen selbst zur Entstehung von Herzerkrankungen beitragen, wie die Autoren erörtern. Zu den postulierten Mechanismen gehören systemische Inflammation, oxidativer Stress und prothrombotische Signale. 

Klassische Risikoscores unterschätzen Risiko dieser Population

Die Erkenntnis, dass klassische Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes als zugrunde liegende Mechanismen eher eine untergeordnete Rolle spielen, könnte nach Ansicht von Florido und Kollegen wichtige Implikationen für die Praxis haben. Traditionelle Risikoscores unterschätzten wahrscheinlich das Risiko dieser Population, machen sie deutlich, und die Modifikation solcher Risikofaktoren reiche vermutlich nicht aus, um ihr kardiovaskuläres Risiko vollständig zu beheben. Es müssten deshalb neue, auf diese Patientengruppe zugeschnittene Strategien zur kardiovaskulären Prävention definiert werden, resümieren die Kardiologen.

Literatur

Florido R et al. Cardiovascular Disease Risk Among Cancer Survivors, The Atherosclerosis Risk In Communities (ARIC) Study. J Am Coll Cardiol 2022;80:22–32; https://doi.org/10.1016/j.jacc.2022.04.042

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