Nachrichten 29.03.2021

Erhöhen Fertiggerichte das kardiovaskuläre Risiko?

Stark verarbeitete Lebensmittel gehen mit einem gesteigerten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Mortalität einher, legt eine neue Studie nahe. Das scheint nicht nur an den Kalorien und der damit verbundenen Gewichtszunahme zu liegen.

Tiefkühlpizza, zuckerhaltige Snacks oder Tütensuppe – stark verarbeitete Lebensmittel machen inzwischen auch in Deutschland fast die Hälfte der verzehrten Nahrung aus. Und dass, obwohl der Konsum der kalorienreichen, nährstoffarmen Produkte in Studien bereits mit Adipositas, Bluthochdruck, Dyslipidämie und Krebs in Verbindung gebracht wurde. In einer aktuellen Untersuchung zeigen sich jetzt auch Assoziationen mit kardiovaskulären Erkrankungen und Tod.

In die Framingham Offspring-Studie wurden mehr als 3.000 Teilnehmer eingeschlossen, die zu Studienbeginn keine kardiovaskulären Erkrankungen hatten. Sie waren median 54 Jahre alt. Über 18 Jahre wurden sie alle vier Jahre klinisch untersucht und zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Daten zur Inzidenz kardiovaskulärer Erkrankungen und dadurch bedingter Mortalität lagen über einem Zeitraum von 23 bis 26 Jahren vor. Forscher um Dr. Filippa Juul von der Universität New York untersuchten potenzielle Zusammenhänge zwischen Fertiggerichten und kardiovaskulärem Risiko.

Kardiovaskuläre Mortalität um 9% erhöht

Zu Studienbeginn verzehrte jeder Teilnehmer durchschnittlich 7,5 Portionen stark verarbeitete Nahrungsmittel pro Tag, wobei eine Portion etwa einer Dose Limonade oder einem Schälchen Frühstücksflocken entsprach. Jede zusätzliche tägliche Portion solcher Lebensmittel korrelierte mit einer schlechteren Prognose, unabhängig von Kalorienaufnahme, Adipositas, Raucherstatus und weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren. Die Portionen wurden auf Kalorien adjustiert.

Jede zusätzliche tägliche Portion ging mit einem um 7% erhöhten Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse einher, definiert als Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskuläre Mortalität. Zudem war sie mit einem um 9% gesteigerten Risiko für schwere koronare Herzerkrankung (KHK), definiert als Herzinfarkt und kardiovaskulärer Tod, einem um 5% erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen insgesamt und einem um 9% gesteigerten Risiko für kardiovaskuläre Mortalität assoziiert. Ein Zusammenhang zwischen stark verarbeiteten Lebensmitteln und Gesamtmortalität wurde jedoch nicht festgestellt.

Liegt es an Transfetten und Zusatzstoffen?

Besonders Backwaren, verarbeitetes Fleisch und Erfrischungsgetränke schienen eine schlechte kardiovaskuläre Prognose zu begünstigen. Juul und Kollegen zufolge stecken hinter der Assoziation zwischen Fertiggerichten und kardiovaskulärem Risiko mehr Ursachen als Kalorienaufnahme und Gewichtszunahme, da die Ergebnisse auf diese Faktoren adjustiert wurden. Andere plausible Mechanismen könnten mit einer hohen Aufnahme von Transfetten, Salz, Zucker und Zusatzstoffen zusammenhängen, die das Mikrobiom beeinflussen und Atherosklerose und oxidativen Stress fördern, vermuten sie.

„Obwohl die Leitlinien für kardiovaskuläre Erkrankungen den Verzehr von unverarbeiteter Nahrung wie Obst, Gemüse oder Vollkornprodukte empfehlen, wird dem Verzicht auf stark verarbeitete Lebensmittel wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, kritisieren Dr. Robert Ostfeld und Dr. Kathleen Allen vom Montefiore Health System in New York in einem Begleitkommentar. Möglicherweise liege das an den spärlich vorhandenen Daten zum Zusammenhang zwischen kardiovaskulärem Risiko und Fertiggerichten – die aktuelle Studie helfe, diese Lücke zu schließen.

Experten empfehlen andere Vermarktung

Um den Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel zu reduzieren, seien Aufklärungsprogramme, Veränderungen bei Vermarktung und Kennzeichnung von Lebensmitteln und ein besserer Zugang zu erschwinglichen, weniger verarbeiteten Nahrungsmitteln notwendig, fordern Ostfeld und Allen. „Das Ziel sollte sein, die ungesunde Wahl zu erschweren und die gesunde Wahl zu erleichtern“, resümieren sie.

Limitationen der Studie sind, dass die Angaben zu den Ernährungsgewohnheiten auf Eigenangaben beruhen und die Teilnehmer ein eher höheres Bildungs- und Einkommensniveau aufwiesen – möglicherweise wären die Assoziationen in einer gemischteren Kohorte stärker ausgefallen.

Literatur

Juul F et al. Ultra-Processed Foods and Incident Cardiovascular Disease in the Framingham Offspring Study. Journal of the American College of Cardiology 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.01.047


Ostfeld R et al. Ultra-Processed Foods and Cardiovascular Disease. Where Do We Go From Here? Journal of the American College of Cardiology 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.02.003


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