Nachrichten 06.12.2017

Jogger, meidet die Straßen!

Die Anti-Diesel-Lobby predigt es schon länger, jetzt kommt Unterstützung aus der Herz-Kreislauf-Forschung: Wer sich für sein körperliches Ertüchtigungsprogramm vielbefahrene Straßen aussucht, tut Herz und Lunge keinen Gefallen. Echte Outdoor-Frische für das Kreislaufsystem gibt es eher im Park als auf dem Bürgersteig.

Es gibt sie, diese stoischen Innenstadt-Jogger, die lieber alle paar Minuten Straßen überqueren als ihre Design-Jogging-Schuhe den Zumutungen natürlicher Bodenbeläge auszusetzen. Die Schuhe profitieren von dieser Art des Fitnessprogramms, aber auch der Körper? Eine britische Untersuchung mit 119 Erwachsenen über 60 Jahren – ein Drittel bei guter Gesundheit, ein Drittel mit KHK und ein Drittel mit stabiler COPD – sät jetzt zumindest Zweifel daran.

Oxford Street versus Hyde Park

Die Wissenschaftler des National Heart & Lung Institutes des Imperial College London ließen ihre Probanden – allesamt seit mindestens 12 Monaten Nichtraucher – einen zwei Stunden langen Spaziergang unternehmen. Die eine Hälfte machte das in der Oxford Street, einer viel von dieselbetriebenen Taxen und Bussen befahrenen Hauptverkehrsstraße im Westen Londons. Die anderen durften ein paar Kilometer weiter südwestlich promenieren, im Hyde Park. Nach ein paar Wochen gab es dann einen weiteren zweistündigen Spaziergang an der jeweils anderen Stelle.

Gemessen wurde unter anderem die forcierte Einsekundenkapazität (FEV1), und zwar vor dem Training und drei Stunden danach, außerdem die Pulswellengeschwindigkeit als Parameter für die Steifigkeit der arteriellen Gefäße etwa eine Stunde nach dem Spaziergang und noch einmal am nächsten Tag. Gleichzeitig wurden während der Spaziergänge die aktuellen Feinstaubkonzentrationen ermittelt. Differenziert wurde dabei zwischen definiertem Feinstaub (PM10) und dem feinen PM2,5-Staub. Letzterer gilt als typisch für Dieselabgase, genauso wie Rußpartikel, die separat gemessen wurden.

Bessere Ergebnisse im Grünen

Das Ergebnis kann passionierte Natur-Jogger nicht wirklich überraschen. Bei den herz-und lungengesunden Rentnern und Frührentnern stieg die FEV1 durch den langen Spaziergang im Hyde Park im Mittel um 7,5 % an. Gleichzeitig sank die Pulswellengeschwindigkeit um 5 %, ein Effekt, der auch am Folgetag noch nachweisbar war. An der Oxford Street sah es dagegen etwas anders aus: Die FEV1 stieg nur dezent, vor allem aber erhöhte sich die Pulswellengeschwindigkeit um durchschnittlich 7 %.

Die Verschlechterung der Pulswellengeschwindigkeit war assoziiert mit höheren Konzentrationen an Ruß und an PM2,5-Feinstaub, während die Verschlechterung der Lungenfunktion mit allen gemessenen Umweltparametern, also auch mit dem gröberen Staub, korrelierte. Dies spreche dafür, dass es sich bei den arteriellen Schäden in erster Linie um einen Dieseleffekt handele, betonen die Wissenschaftler um Senior-Autor Professor Fan Chung: „Wir plädieren deswegen dafür, dass insbesondere ältere Menschen wann immer möglich in Parks oder Grünanlagen spazieren gehen, und nicht auf viel befahrenen Straßen.“

Patienten mit COPD besonders anfällig

Besonders anfällig für die Feinstaubbelastung waren die Patienten mit COPD. Sie zeigten bei der Straßenetappe nicht nur eine Zunahme der Gefäßsteifigkeit, sondern auch mehr klinische Symptome als bei der Parketappe, darunter Husten, Kurzatmigkeit, Niesen und eine Zunahme der Sputumproduktion. Auch bei diesen Beschwerden korrelierte die Intensität mit der Konzentration von ultrafeinen Partikeln und Rußpartikeln in der Atemluft.

Eine interessante Zusatzbeobachtung machten die Forscher bei den KHK-Patienten. Hier kam es in erster Linie bei Patienten, die an dem jeweiligen Tag keine Medikation eingenommen hatten, zu einer Zunahme der Steifigkeit der arteriellen Gefäße, weniger dagegen bei Patienten unter Medikation. Dies könnte auf protektive Effekte der KHK-Medikamente hindeuten, doch waren die Teilnehmerzahlen für eine definitive Aussage zu niedrig.

Literatur

Sinharay R et al. Respiratory and cardiovascular response to walking down a traffic-polluted road compared with walking in a traffic-free area in participants aged 60 or older with chronic lung or heart disease and age-matched healthy controls: a randomised, crossover study. Lancet. 2017; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)32643-0

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Zurück aus der Sommerpause: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Bestimmte Antibiotika könnten Herztod-Risiko von Dialysepatienten erhöhen

Dialysepflichtige Patienten sind besonders gefährdet, an einem plötzlichen Herztod zu versterben. Eine aktuelle Analyse legt nun nahe, dass bestimmte Antibiotika das Risiko erhöhen könnten. Was heißt das nun für die Praxis?

Screening von Sportlern: Wann eine Echokardiografie Sinn macht

Von den Leitlinien wird eine Echokardiografie als Screeningmethode bei Athleten bisher nicht empfohlen. Bei den DGK-Herztagen erläuterte ein Experte, warum ein zusätzlicher Einsatz dieser Methode Sinn machen kann – und wie sie sich sinnvoll implementieren lässt.

Warum eine frühe Ticagrelor-Monotherapie nach PCI von Vorteil ist

Wird nach perkutaner Koronarintervention frühzeitig von dualer Plättchenhemmung auf eine Ticagrelor-Monotherapie umgestellt, verringert sich die Gefahr von Blutungen – auch und gerade bei Patienten mit hohem Blutungsrisiko.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Fehlbildung am Herzen – was sehen Sie im CT?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg