Nachrichten 04.02.2021

Ist Chance auf Statin-Verordnung bei Arztbesuch am Morgen höher?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten eine indizierte Statin-Therapie auch tatsächlich verschrieben bekommen, scheint auch davon abzuhängen, zu welcher Tageszeit der Arztbesuch erfolgt, legen Ergebnisse einer Erhebung bei US-Kardiologen nahe.

Patienten, die gemäß Leitlinien-Kriterien Kandidaten für eine Behandlung mit einem Statin sind, sollten vielleicht besser um einen Arztbesuch am Vormittag nachsuchen. Denn in dieser Zeit sind die Chancen, dass ein solcher Lipidsenker auch de facto verordnet wird, anscheinend relativ am höchsten. Im weiteren Tagesverlauf zeigt die Verordnungsquote rückläufige Tendenz.

Zu diesem Ergebnis gelangen US-Untersucher um Dr. Allison Oakes, Department of Veterans Affairs Advanced Fellowship Program, Philadelphia, in einer Analyse von Daten aus 15 im University of Pennsylvania Health System organisierten Praxen von US-Kardiologen.

Mehr als 10.000 Arztbesuche analysiert

Auf die Idee zu ihrer Studie hatten die Gruppe Ergebnisse vorangegangener Studien im hausärztlichen Bereich gebracht. In diesen Studien war man auf ein interessantes, von Wissenschaftlern als „Entscheidungsmüdigkeit" oder „Entscheidungs-Fatigue" bezeichnetes Phänomen gestoßen. Gemeint ist damit, dass Ärzte unter dem alltäglichen Arbeitsdruck als Ausdruck einer gewissen Erschöpfung oder Resignation im Verlauf des Tages immer öfter zum Rezeptblock greifen, um unnötige oder fragwürdige Pharmakotherapien wie Opioide oder Antibiotika bei unkomplizierten Atemwegsinfekten zu verordnen.

Ist auch die tageszeitliche Verordnung von Statinen von einer solchen „Entscheidungsmüdigkeit“ geprägt? Um dies zu klären, hat die Gruppe um Oakes elektronische Daten von 7.271 Patienten (mittleres Alter 60,8 Jahre, 52,0% Frauen) analysiert, die im Rahmen von insgesamt 10.353 Arztbesuchen bei Kardiologen zwischen März 2018 und September 2019 erhoben worden waren.

Alle Patienten erfüllten die in den US-Leitlinien definierten Kriterien für eine Statin-Therapie, hatten eine solche aber bis dato nicht erhalten. In 56,2% der Fälle war ein Statin aufgrund einer schon bestehenden atherosklerotischen Gefäßerkrankung als sekundärpräventive Behandlung angezeigt. Für die Analyse wurden alle Arzttermine in der Zeit zwischen 8:00 Uhr morgens und 16:59 Uhr am Nachmittag nach Stunden gruppiert.

Rate an Statin-Verordnungen insgesamt 5%

De facto war 5,0% aller in die Analyse eingeschlossenen Patienten bei den analysierten Arztbesuchen erstmals ein Statin verschrieben worden. Die Verordnungsquote betrug bei morgendlichen Arztterminen 5,4%, am Nachmittag dagegen nur 4,4%.   

Die nicht adjustierte Rate an Statin-Verordnungen war mit 6,1% um 8 Uhr morgens relativ am höchsten, um 9 Uhr betrug sie noch 5,3%. Am Mittag waren es dann nur noch 3,3%; in den Stunden danach schwankten die Raten zwischen 4,2% und 5,2%. Statistisch war die adjustierte Odds Ratio (OR) für eine erstmalige Statin-Verordnung bei Patienten mit einem Arzttermin am Nachmittag (12:00 – 16:59 Uhr) signifikant um 24% niedriger als bei Patienten mit morgendlichem Arztbesuch (OR: 0,76; 95% Konfidenzintervall: 0,62-0,92, p < 0,05).

Die Daten zeigten, dass mit fortschreitender Tageszeit die Neu-Verordnung von Statinen signifikant rückläufig war. Der stärkste Rückgang bei der Verordnungsrate sei zwischen 12 Uhr und 14 Uhr beobachtet worden, so die Studienautoren.

Spekulation über „Entscheidungsmüdigkeit“ als Erklärung

Nach ihrer Ansicht können Faktoren sowohl auf Seiten der Ärzte als auch der Patienten zu einer solchen Entwicklung beigetragen haben. Beide Gruppen seien potentiell anfällig für „Entscheidungsmüdigkeit“ (decision fatigue) als Folge der kumulativen Last (cumulative burden) der im Tagesverlauf zu treffenden Entscheidungen.

Auch sei davon auszugehen, dass infolge von auftretenden Zeitverzögerungen der Zeitdruck für Ärzte im Tagesverlauf zunimmt. Dadurch könne bei ihnen, aber auch bei den Patienten, die Bereitschaft größer werden, komplexe Therapieentscheidungen aufzuschieben.

Allerdings war die in der Studie im Tagesverlauf beobachtete Abnahme an Statin-Neuverordnungen – absolut betrachtet – ja eigentlich eher gering – gemessen an der Zahl jener Patienten, die trotz bestehender Indikation ohne jede Statin-Verordnung nach Hause geschickt worden waren. Ihr Anteil betrug immerhin 95%!

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