Nachrichten 02.03.2021

Echte Statin-Nebenwirkung oder Nocebo? So lässt sich das herausfinden

Wenn Patienten unter einer Statintherapie über Muskelschmerzen klagen, ist oft nicht das Medikament schuld daran. Eine Studie zeigt nun einen Weg auf, mit dem sich der Ursache auf den Grund gehen lässt – und wie sich Patienten zur Therapiefortführung überzeugen lassen.

Erneut macht eine Studie deutlich: Muskelbeschwerden, die unter einer Statintherapie auftreten, sind meist nicht dem Wirkstoff selbst geschuldet.

Spezielles Studiendesign könnte auch im Alltag helfen

Aus der aktuell publizierten StatinWISE-Studie lässt sich aber noch eine weitere Botschaft ableiten, nämlich wie Ärzte es schaffen können, ihre Patienten zur Therapiefortsetzung zu motivieren. Die Idee: Das in der Studie verwendete spezielle N-of-1-Design könnten Ärzte in ihrem Praxisalltag übertragen. Und so herausfinden, ob ihre Patienten wirklich Nebenwirkungen haben oder die Beschwerden einem Noceboeffekt zuzuschreiben sind (dazu später mehr).

Was bedeutet N-of-1? Jeder einzelne Patient durchläuft dabei quasi eine randomisierte Studie, er erhält also sowohl Placebo als auch Verum. In StatinWISE durchliefen 200 Teilnehmer sechs solcher N-of-1-Serien: zwei Monate Atorvastatin 20 mg, zwei Monate Placebo und und und – jede Verum/Placebo-Phase sechsmal in einer zufälligen Reihenfolge und verblindet, also die Patienten wussten nicht, was sie gerade einnehmen. Nach jeder Phase sollen die Patienten ihre Symptome über die visuelle Analogskala beurteilen. Am Ende waren Angaben von 150 Teilnehmern auswertbar.

Alle Teilnehmer wurden aus Hausarztpraxen rekrutiert und alle hatten vor Studienbeginn eine Statintherapie wegen auftretender Muskelschmerzen abgebrochen.

Genauso häufig Beschwerden mit Placebo

Die jetzt publizierten Ergebnisse der StatinWISE-Studie offenbarten: In den meisten Fällen war nicht das Statin die Ursache für ihre Beschwerden gewesen. Denn während der Placebo-Phasen empfanden ähnlich viele Teilnehmer Muskelschmerzen wie während der Statin-Phasen (62,5% vs. 61,6%; Odds Ratio: 1,11; p = 0,40). Zum Zeitpunkt der Statineinnahme hatten 9% die Behandlung abgebrochen, in der Placebo-Zeit war die Abbruchrate mit 7% fast genauso hoch.

„Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass die meisten Patienten unter einer Statintherapie keine Beschwerden entwickeln, die kausal dem Statin zuzuordnen sind“, resümieren die Studienautoren um Emily Herrett aus London.

Die meisten Patienten ließen sich überzeugen

Die positive Nachricht: Nach Durchlaufen der einzelnen Studienphasen waren zwei Drittel aller Teilnehmer bereit, die Langzeittherapie mit einem Statin wiederaufzunehmen. Die britischen Wissenschaftler könnten sich deshalb vorstellen, dass das N-of-1-Prinzip auch im Praxisalltag helfen kann. Wenn ein Patient unter Statinen über Muskelbeschwerden klagt, könnte ihm verblindet eine Zeit lang Placebo und eine Zeit lang das Statin gegeben werden, um herauszufinden, was seinen Symptomen zugrunde liegt und seine Akzeptanz für die Behandlung zu stärken.

Was steckt hinter diesem Phänomen?

Doch was steckt hinter den Muskelschmerzen, wenn nicht das Statin? Ein Erklärungsansatz ist der sog. Nocebo-Effekt. Aufgrund ihrer Erwartungshaltung gehen Patienten von unerwünschten Effekten der Behandlung aus, und verspüren diese letztlich auch, selbst wenn die Tablette keinen Wirkstoff enthält. Also der umgekehrte Effekt eines Placebos. Gerade bei Statinen scheint dieses Phänomen eine große Rolle zu spielen, da diese Medikamente in der Presse immer wieder in ein schlechtes Licht gerückt werden.

StatinWISE ist auch nicht die erste Studie, die mithilfe des N-of-1-Designs der Ursache von Statinnebenwirkungen auf den Grund gegangen ist. Dasselbe Prinzip hatte die im letzten Jahr publizierte SAMSON-Studie verfolgt. In dieser Studie waren 90% der statinassoziierten Nebenwirkungen ebenfalls unter Placebo aufgetreten. Auch SAMSON-Studienleiter Prof. James Philip Howard machte den Noceboeffekt für dieses Ergebnis verantwortlich.

Herrett und Kollegen erläutern aber noch einen weiteren möglichen Erklärungsansatz: Generell verspüren ältere Menschen, die ja oft Statine einnehmen, Schmerzen jeglicher Art. Solche Beschwerden fallen dann zufälligerweise mit der Statintherapie zusammen und werden dieser fälschlicherweise zugeschrieben, obwohl sie eine ganz andere Ursache haben.

Literatur

Herrett E et al. Statin treatment and muscle symptoms: series of randomised, placebo controlled n-of-1 trials. BMJ 2021;372:n135. DOI: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.n135

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