Nachrichten 07.02.2020

Medikamente als faule Ausrede?

Es würde die Präventionsbemühungen ziemlich ausbremsen, wenn Patienten meinen, sie müssten sich mit dem Beginn einer Statin- oder Bluthochdrucktherapie nicht mehr um eine gesunde Lebensweise bemühen. Doch das könnte die Realität sein.  

Was nützen Medikamente, wenn Patienten ihren Lebensstil vernachlässigen? Diese Frage stellen sich finnische Wissenschaftler, nachdem sie im Rahmen einer Kohortenstudie festgestellt haben, dass ein Therapiebeginn offenbar häufig zulasten des Lebensstils geht.

Nach Therapiebeginn änderte sich der Lebensstil

„Weil der Beginn einer Bluthochdruck- oder Statinbehandlung mit ungünstigen Veränderungen des Lebensstils assoziiert ist, könnte die Ausweitung pharmakologischer Interventionen auf Bevölkerungsebene nicht notwendigerweise den zu erwartenden Nutzen in Hinblick auf eine Reduktion von kardiovaskulären Erkrankungen bringen“, diskutieren die Studienautoren um Prof. Maarit Korhonen von der Universität in Turku die mögliche Konsequenz ihrer Ergebnisse.

Datenbasis der Kohortenstudie waren 41.255 Teilnehmer des „Finnish Public Sectors“, die zwischen 2000 und 2013 mindestens zwei Fragenbögen zu ihrem Lebensstil beantwortet hatten. Als Therapiestart wurde definiert, wenn einer Person nach der ersten Umfrage, aber noch vor der zweiten Befragungswelle Statine oder Antihypertensiva neu verschrieben wurden.

Die Patienten wurden dicker 

Entsprechende Neuverordnungen waren mit einer Zunahme des Body-Mass-Index assoziiert (im Mittel um 0,19 kg/m²). So war die Wahrscheinlichkeit für eine normalgewichtige Person, nach einem Therapiebeginn übergewichtig zu werden, um fast das Doppelte höher als für eine normalgewichtige Person ohne pharmakologische Prophylaxe (adjustierte Odds Ratio: 1,82).

Ebenso bewegten sich die Personen in der Folge im Schnitt weniger (–0,09 metabolisches Äquivalent [MET] Stunden/Tag).

Positiv zu vermerken ist, dass mit dem Beginn der Medikation eher weniger Alkohol konsumiert und vermehrt mit dem Rauchen aufgehört wurde.  

Freibrief für schlechten Lebensstil?

Summa summarum bewerten die finnischen Wissenschaftler ihre Ergebnisse allerdings eher pessimistisch: Viele Menschen scheinen sich als Reaktion auf einen Therapiebeginn eher weniger um ihren Lebensstil zu bemühen, als diesen zum Anlass zu nehmen, mehr zu tun. Doch lässt sich das so pauschal sagen?

Die Studienautoren selbst geben die Antwort darauf: „Die größte Limitation unsere Studie ist die Generalisierbarkeit der Ergebnisse.“

Prinzipiell stellt sich bei diesem Studiendesign die berühmte Henne-Ei-Frage: Lassen sich die Veränderungen in der Verhaltensweise tatsächlich der Medikation zuschreiben? Etwa ist anzunehmen, dass Personen, die eine prophylaktische Medikation benötigen, eine andere Vorgeschichte haben als Menschen, bei denen eine solche Therapie nicht erforderlich ist. So könnte es sein, dass manche Patienten weit vor Therapiebeginn aufgrund des Wissens um ihr kardiovaskuläres Risiko mit einer Lebensstiländerung begonnen haben, die im Beobachtungszeitraum dann nicht mehr ins Gewicht gefallen ist. Und bei einer Analyse, die auf Fragebögen basiert, besteht per se die Gefahr für eine Verzerrung.

Allgemeingültige Schlüsse oder gar praktische Konsequenzen lassen sich aus diesen Ergebnissen somit sicherlich nicht ziehen.

Literatur

Korhonen et al. Lifestyle Changes in Relation to Initiation of Antihypertensive and Lipid‐Lowering Medication: A Cohort Study. J Am Heart Assic. 2020;9:e014168.doi: 10.1161/JAHA.119.014168.

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