Nachrichten 05.01.2021

Umweltfaktoren und Herzgesundheit – Experten fordern umfassende Maßnahmen

Umweltverschmutzung wirkt sich negativ auf die Herzgesundheit aus und wird für Millionen vorzeitiger Todesfälle verantwortlich gemacht. Experten fordern deshalb nun auch politische Maßnahmen, um den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu verbessern.

Umweltrisikofaktoren werden zunehmend als wichtige Determinanten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen anerkannt. Während der Einfluss von Ernährung, Bewegung und Rauchen auf die Herzgesundheit gut untersucht ist, wird die Rolle von Faktoren wie Lärm und Luftverschmutzung oft nicht berücksichtigt, obwohl anerkannt wird, dass sie die beiden weltweit häufigsten, sehr weit verbreiteten Umweltrisikofaktoren darstellen.

9 Millionen vorzeitiger Todesfälle wegen Luftverschmutzung 

Jüngste Daten deuten darauf hin, dass mittlerweile 9 Millionen vorzeitige Todesfälle auf Luftverschmutzung zurückzuführen sind. Diese werden hauptsächlich durch Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser kleiner 2,5 Mikrometer (PM 2,5 µm) und damit assoziierten kardiovaskuläre Erkrankungen verursacht.

Das entspricht einem Verlust der Lebenserwartung von 2,9 Jahren, der durchaus mit dem des Tabakrauchens mithalten kann (2,2 Jahre). Wichtig ist, dass die gesundheitlichen Nebenwirkungen sowohl der Luftverschmutzung als auch des Verkehrslärms bei Expositionsniveaus beobachtet werden, die weit unter den regulatorischen Schwellenwerten liegen, die derzeit als sicher gelten. Mechanistische Untersuchungen liefern außerdem Hinweise auf systemische Auswirkungen von Luft- und Lärmbelästigung.

Dazu gehören massive zerebrale und vaskuläre Entzündungsreaktionen und oxidativer Stress sowie damit verbundene endotheliale Dysfunktion.

Internationale Umweltforscher fordern Maßnahmen

In einem aktuellen Leitartikel „Reduction of environmental pollutants for prevention of cardiovascular disease: it is time to act“, der vor Kurzem im European Heart Journal veröffentlicht wurde, hat eine Gruppe internationaler Umweltforscher die epidemiologischen und mechanistischen Ursachen für einen Zusammenhang zwischen Lärm, Feinstaub und Herzkreislauferkrankungen zusammengefasst und umfassende Maßnahmen zu Reduzierung dieser Krankheiten vorgestellt und diskutiert (s. Tabellen).


Empfehlungen in Bezug auf Luftverschmutzung

Art der Intervention

Wirksamkeit bei Reduktion von
Expositionen

Möglicher Einsatz

Evidenz bei Reduzierung von Ersatzergebnissen

Persönliche Luftreinigungsgeräte (Reduzierung fester, aber nicht gasförmiger Luftschadstoffe)

N95-Atemschutzgeräte

Hochwirksam bei Reduzierung von PM2.5. Entfernt ˃ 95% inhalierte Partikel
bei Größe von 0,3 m.

Anpassungs- und Gebrauchshäufigkeit sind wichtige Determinanten der Wirksamkeit. Ein Ventil- oder Mikroventilatorlüfter kann die Luftfeuchtigkeit senken und den Komfort erhöhen.

Randomisierte kontrollierte klinische Studien über kurze Zeiträume (in der Regel bis zu 48 Stunden) mit Hinweisen auf Blutdrucksenkung und Verbesserung der Herzfrequenzvariabilität-
Indizes.

Chirurgische Masken und Stoffmasken

Nicht einheitlich wirksam bei der Verringerung
der PM2.5.

Nur wenige Studien deuten darauf hin, dass diese die Exposition reduzieren können, sehr variabel in
der Wirksamkeit.

Nicht empfohlen aufgrund der Variabilität
bei der Verringerung der Exposition gegenüber
Partikeln.

Tragbare Luftreiniger (PAC)

Tragbare Geräte mit HEPA-Filtern. Elektrostatische
PACs ionisieren zusätzlich
Partikel.

Entwickelt, um Luft in einem kleinen Bereich
zu reinigen. Wirksam bei Verringerung
der Innenteilchen, aber Dauer der Nutzung
und Volumen des Raumes sind entscheidende
Faktoren.

Wirksamkeit im Zusammenhang mit Reinluftzufuhrrate
(CLEAN Air Delivery Rate/CADR), normalisiert durch das Raumvolumen, das mit
Belüftungs- und Abscheidungsraten (Verlustraten) konkurrenzfähig sein muss. Elektrostatische PACs können zur Ozonproduktion führen.

Gesamttrend in Studien deutet auf Nutzen für Blutdruck und Herzfrequenzvariabilität
hin.

Heizungslüftung und Klimatisierung (HVAC)

Zentral in Häusern mit Filtern installiert,
die die Exposition reduzieren

Wirksam bei Reduzierung von Konzentrationen,
solange Filter regelmäßig ausgetauscht
werden.

Die Effizienz ist variabel wegen Bau/Betriebsfaktoren (z.B. offene Fenster).

Derzeit keine Daten verfügbar.


Daran beteiligt waren das Universitätsklinikum Mainz (Thomas Münzel und Andreas Daiber), das Universitäts-/BHF-Zentrum für Herz-Kreislauf-Wissenschaften der Universität Edinburgh, Großbritannien (Mar Miller), das Genes and Environment, Danish Cancer Society Research Center, Kopenhagen, Dänemark (Mette Sørensen), das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, (Jos Lelieveld) und das Harrington Heart and Vascular Institute, University Hospitals Cleveland, Ohio, USA (Sanjay Rajagopalan).

Besonders in Bezug auf die Luftverschmutzung lebt insgesamt 90% der Weltbevölkerung in einer Umgebung mit Luftverschmutzungswerten von
mehr als 10 µg/mᵌ, dem von der WHO empfohlenen Grenzwert.

Grenzwertüberschreitungen bei Luftverschmutzung

„Die Grenzwerte für die Luftverschmutzung mit PM2.5 in Europa liegen bei 25 µg/mᵌ, und damit 2,5-fach über den WHO-Grenzwerten. Sie sind für ca. 400.000 bis 500.000.000 Todesfälle pro Jahr bei Europäern verantwortlich. Wir müssen diese Grenzwerte dringend reduzieren. Luftverschmutzung verursacht hauptsächlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ist ein kardiovaskulärer Risikofaktor, der nicht von Ärzten oder Patienten, positiv beeinflusst werden kann. Sondern nur Politiker können das ändern, indem sie Feinstaublimits festlegen, die uns vor diesen gesundheitlichen Gefahren schützen“, kommentiert der Hauptautor des Papiers.


Empfehlungen in Bezug auf den Lärm durch Straßenverkehr

Änderung der Lärmpegel

Empfundene Änderung

Methoden der Lärmreduktion

1 dB

sehr kleine Änderung

Geschwindigkeitsreduktion um 10 km/h. Alle Autos durch Elektroautos
ersetzen.
Verlagerung des Verkehrs von
der Nacht auf den Tag.
Reduzierung des Verkehrs um 25%.

3 dB

hörbare, aber kleine Änderung

Geschwindigkeitsreduktion um 30 km/h. Ruhige Straßenoberflächen.
Geräuscharme Reifen. 
Reduzierung des Verkehrs um 50%.

5 dB

Wesentliche
Änderung
Aufstellen von Lärmschutzwänden.
Reduzierung des Verkehrs um 65%.

10 dB

Große Veränderung,
gefühlt Halbierung
des Geräuschs.
Bau hoher Lärmschutzwände.
Reduzierung des Lärms um 90%.
Schallreduzierende Fenster


Mehr Bewusstsein für Risikofaktoren

Außerdem möchten die Autoren ein verstärktes Bewusstsein für die Gesundheitsbelastung durch Risikofaktoren wie Lärm und Luftverschmutzung schaffen. Und die Einbeziehung dieser Risikofaktoren in traditionelle medizinische Leitlinien, gerade im Bereich der Kardiologie (insbesondere Prävention, Herzinfarkt und Schlaganfall) können dazu beitragen, die
Gesetzgebung voranzutreiben. Erst dann lassen sich die entsprechenden Risiken reduzieren, was die kardiovaskuläre Gesundheit erheblich schützen könnte

Literatur

CardioNews Ausgabe 11-12 2020

Münzel T et al. Reduction of environmental pollutants for prevention of cardiovascular disease: it’s time to act, Eur Heart J, 41(41):3989–97; DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa745

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