Nachrichten 13.12.2018

So schnell wirkt extremer Fleischkonsum auf Atherosklerose-Marker

Was passiert im Körper, wenn jemand wochenlang täglich rotes Fleisch isst? Forscher haben das nun in einer randomisierten Studie untersucht – und stellten einen deutlichen Anstieg eines Atherosklerose-Markers fest.  

Schon nach einem kurzzeitigen extremen Fleischkonsum scheinen sich die ersten Vorboten einer Atheroklerose anzukündigen. Forscher um Dr. Zengeng Wang konnte im Rahmen einer randomisierten Studie nachweisen, dass die Plasmaspiegel eines bekannten Atherosklerose-Risikofaktors nach wochenlangem Konsum von rotem Fleisch beträchtlich ansteigen.

Die Rede ist von Trimethylamin-N-Oxid, kurz TMAO. In den letzten Jahren mehren sich die Hinweise, dass TMAO die Entstehung von atherosklerotischen Plaques fördert und ein Anstieg  dieses Metaboliten mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert ist. Erst vor wenigen Tagen haben Prof. Ulf Landmesser und Prof. Matthias Endres eine Arbeit publiziert, in der sich ein solcher Zusammenhang gezeigt hat.   

TMAO ist ein wichtiger Risikofaktor

TMAO entsteht in der Leber aus Trimetyhlamin (TMA). TMA wird von Darmbakterien  aus Carnitin und Cholin gebildet, was beides reichlich im roten Fleisch vorhanden ist. Rotes Fleisch steht wiederum im Verruf, der Herzgesundheit zu schaden.

„Die aktuelle Ergebnisse legen nahe, dass eine von rotem Fleisch geprägte Ernährungsweise mit einer Erhöhung der TMAO-Spiegel einhergeht, und auf diese Weise ein Anstieg des Thrombose-Risikos begünstigen könnte“, erläutern die Studienautoren den möglichen Zusammenhang.

Rotes Fleisch lässt Spiegel steigen

Für ihre Studie haben die US-amerikanischen Wissenschaftler 113 gesunde Probanden einen Monat lang täglich entweder rotes oder helles Fleisch essen lassen oder ihnen stattdessen eine fleischlose  Ernährung mit demselben Kaloriengehalt angeboten. Nach der jeweiligen Periode folgte nach einer Auswaschphase ein Crossover auf die jeweils andere Diät.

Nach Konsum von rotem Fleisch stiegen die TMAO-Plasmakonzentrationen der Probanden beträchtlich an; sie waren um fast das Dreifache höher als in der Periode, in der helles Fleisch oder gar kein Fleisch gegessen wurde (p < 0,0001). Bei manchen Probanden seien die Spiegel sogar über das Zehnfache angestiegen, berichten die Studienautoren.  

Auch die Nierenfunktion ist verändert

Noch überraschender ist ihrer Ansicht nach der Befund, dass sich der Fleischkonsum auch auf die Nierenfunktion ausgewirkt hat. Nach Konsum von rotem Fleisch hat die fraktionelle Ausscheidung von TMAO  deutlich abgenommen (p < 0,05). Bei einem hohen Konsum von rotem Fleisch scheine die Niere TMAO weniger effizient ausscheiden zu können, interpretieren die Studienautoren diesen Befund, wobei sie darauf hinweisen, dass die renale Clearance von TMAO zwischen den Teilnehmern stark geschwankt hatte.  Die TMAO-Vorstufen Carnitin, γ-Butyrobetain und  Crotonobetain wurden dagegen vermehrt ausgeschieden. Diese Zusammenhänge zeigten sich auch, wenn statt Kreatinin andere Parameter für die Kalkulation der Nierenfunktion  herangezogen wurden.

Eine weitere Beobachtung war, dass nach mehrwöchigem rotem Fleischkonsum Carnitin vermehrt in TMA bzw. TMAO umgesetzt wurde. Festgestellt hatte man dies, als man 13 Personen Isotopen-markierte Varianten von Carnitin und Cholin verabreicht und nach den jeweiligen Diätphasen die entsprechende Markierungen  in TMAO bzw. in TMA gemessen hatte. Für Cholin zeigte sich eine verstärkte Umsetzung in TMAO seltsamerweise nicht.

Gute Nachricht: Anstieg ist reversibel

Die Studienautoren schließen aus ihren Beobachtungen, dass ein erhöhter Konsum von rotem Fleisch auf dreierlei Weisen zu einem systemischen Anstieg der TMAO-Spiegel geführt hat: durch eine vermehrte Aufnahme der Vorstufen, durch eine verstärkte Umsetzung von Carnitin in TMAO/TMA und durch eine verminderte Ausscheidung von TMAO.  

Die gute Nachricht: Die zu beobachtenden Veränderungen sind reversibel. Die TMAO-Plasmaspiegel sanken innerhalb von vier Wochen wieder, wenn der Fleischkonsum eingestellt wurde.

Die Wissenschaftler schätzen, dass ein übermäßiger Konsum von rotem Fleisch wie in ihrer Studie (etwa 2 Portionen pro Tag) über mehrere Jahre im Vergleich zu einer fleischlosen Ernährungsweise in einer 4,5%igen relativen Erhöhung des Sterberisikos resultiert, angenommen der Zusammenhang verhält sich so  wie in einer Metaanalyse, in der jede Zunahme der TMAO-Spiegel um 10 µmol/L mit einem 7,6%igen Anstieg der Mortalität assoziiert war (und der TMAO-Anstieg nach einem Monat  ist auf ein Follow-up von 4,3 Jahren extrapolierbar). Im Vergleich zu einer auf hellem Fleisch basierenden Ernährung ist mit einem 4,3%igen Anstieg des Sterberisikos zu rechnen.

Ob es sich dabei um eine realistische Einschätzung handelt, bleibt zu klären, ebenso wie die tatsächlichen Langzeitfolgen einer solchen Ernährungsweise. Auf eine entsprechende randomisierte Langzeitstudie wird man aber wahrscheinlich vergeblich warten.

Literatur

Wang Z, Bergeron N, Levison B et al "Impact of chronic dietary red meat, white meat, or non-meat protein on trimethylamine N-oxide metabolism and renal excretion in healthy men and women" Eur Heart J 2018; DOI: 10.1093/eurheartj/ehy799.

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Bildnachweise
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Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org