Nachrichten 06.07.2020

So viel Cholesterinsenkung bringt eine Lipidtherapie mit Bempedoinsäure

Wie groß ist das Ausmaß der mit dem neuen Lipidsenker Bempedoinsäure allein oder additiv zu Statinen erreichbaren Cholesterinsenkung? Eine Analyse gepoolter Daten aus vier randomisierten Studien gibt darüber Aufschluss.

Seit April 2020 ist der neue Cholesterinsenker Bempedoinsäure als Monopräparat sowie in einer Fixkombination mit Ezetimib in Europa zugelassen. Bempedoinsäure hemmt als  ATP-Citrat-Lyase (ACL)-Inhibitor die Cholesterin- und Fettsäuresynthese in der Leber. Durch die resultierende Hochregulierung des LDL-Rezeptors wird vermehrt im Blut zirkulierendes LDL-Cholesterin in die Leber aufgenommen, konsekutiv sinkt der LDL-C-Plasmaspiegel.

Daten aus vier Studien mit 3623 Teilnehmern gepoolt

Bempedoinsäure ist nach den bislang in randomisierten Studien gewonnenen Erfahrungen von moderater cholesterinsenkender Wirksamkeit. Um sich ein genaueres Bild vom Ausmaß der Lipideffekte zu verschaffen, hat eine internationale Arbeitsgruppe um Dr. Maciej Banach von der Medizinischen Universität  im polnischen  Łódź  die gepoolten Daten aus vier zwischen 2016 und 2018 durchgeführten randomisierten Phase-III-Studie (CLEAR Harmony, CLEAR Wisdom, CLEAR Tranquility und CLEAR Serenity) unter diesem Aspekt analysiert.

LDL-Cholesterin additiv zu Statinen um 18% gesenkt

In diese Studien waren in Europa und Nordamerika insgesamt 3623 Patienten im mittleren Alter von 65,5 Jahren mit Hypercholesterinämie aufgenommen worden. Bei der Analyse wurde danach differenziert, ob es sich um Patienten mit manifester atherosklerotischer kardiovaskulärer Gefäßerkrankung (97,2%) und/oder heterozygoter Familiärer Hypercholesterinämie (HeFH, 3,7%) und einer Statin-Therapie (Gruppe 1) oder um Patienten mit Statin-Unverträglichkeit handelte (Gruppe 2).

Bei Patienten in Gruppe 1 (n=3009) lag der mittlere Ausgangswert für das LDL-Cholesterin bei 107,6 mg/dl. Nach 12 Wochen hatte Bempedoinsäure (180 mg/einmal täglich) additiv zur maximal verträglichen Statin-Therapie den LDL-C-Wert in Relation zum Ausgangswert placebokorrigiert signifikant um 17,8% gesenkt (p < 0,001).

Mit Bempedoinsäure erreichten signifikant mehr Patienten dieser Gruppe einen LDL-Wert im Zielbereich unter 70 mg/dl (28,9% vs. 8,0%, p < 0,001). Entsprechende Unterschiede wurden auch nach 24 Wochen (28,7% vs. 9,3%) und nach 52 Wochen (26,2% vs. 9,1%) beobachtet.

Senkung um 24,5% bei Patienten mit Statin-Intoleranz

Statin-intolerante Patienten der Gruppe 2 (n=614) hatten zu Beginn im Mittel einen höheren LDL-C-Wert von 144,4 mg/dl. Mit Bempedoinsäure konnte in dieser Gruppe placebokorrigiert eine ebenfalls signifikante LDL-C-Reduktion um 24,5% erzielt werden (p < 0,001).

Auch im Follow-up blieben die LDL-C-Werte unter der Bempedoinsäure-Therapie im Vergleich zu Placebo erniedrigt: Nach 52 Wochen war in Gruppe 1 ein mittlerer Unterschied um -12,7% und nach 24 Wochen in Gruppe 2 ein mittlerer Unterschied um -22,2% versus Placebo zu verzeichnen.

Im Vergleich zu Placebo war die Bempedoinsäure-Therapie zudem mit signifikanten Abnahmen bei den Lipidparametern Non-HDL-Cholesterin, Gesamtcholesterin und Apolipoprotein B sowie beim Entzündungsparameter hs-CRP assoziiert.

Obgleich die Gesamtraten aller gemeldeten unerwünschten Ereignisse in der Bempedoinsäure- und Placebo-Gruppe kaum differierten (73,1% vs. 72,5%), gab es bezüglich spezifischer Veränderungen – wenngleich auf niedrigem Niveau – signifikante Unterschiede zu Ungunsten des Lipidsenkers. Dies betraf die Inzidenz von  erhöhten Harnsäure-Spiegeln (2,1% vs. 0,5%), Gicht (1,4% vs. 0,4%), GRF-Abnahme (0,7% vs. <0,1%) und Leberenzym-Erhöhungen (2,8% vs. 1,3%). Dagegen war die Inzidenz von neu diagnostiziertem Diabetes unter Bempedoinsäure signifikant niedriger als unter Placebo (4,0% vs. 5,6%).

Basis für eine Senkung auch des kardiovaskulären Risikos?

Absolut betrachtet senkte Bempedoinsäure die LDL-C-Plasmaspiegel der Studienteilnehmer im Mittel um 19,8mg/dl (Gruppe 1) und um 36,5 mg/dl (Gruppe 2). Diese Reduktionen reichten aus, um das kardiovaskuläre Risiko in relevantem Maß zu verringern, so die Studienautoren um Banach. Lege man die von der Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration aufgezeigte Beziehung zwischen absoluter Cholesterinsenkung und Ereignisreduktion zugrunde, sei theoretisch eine Reduktion des kardiovaskulären Risikos um 11% respektive 21% durch Bempedoinsäure zu erwarten. Ob sich dies bewahrheitet, wird eine laufende große klinische Endpunktstudie (CLEAR Outcomes) zeigen.


Literatur

Banach M. et al.: Association of Bempedoic Acid Administration With Atherogenic Lipid Levels in Phase 3 Randomized Clinical Trials of Patients With Hypercholesterolemia. JAMA Cardiol. 2020, online 1. Juli. doi:10.1001/jamacardio.2020.2314

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