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29.11.2018 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Kardiovaskuläres Anti-Aging im Vergleich

Sport hält jung. Ausdauertraining aber anscheinend mehr als Krafttraining

Autor:
Philipp Grätzel

Wer sein Leben mit Hilfe von Sport verlängern will, sollte auf Ausdauertraining setzen. Eine randomisierte Sport-Studie aus dem Saarland zeigt jetzt zumindest, dass die als Indikatoren für Langlebigkeit geltenden Telomere eher auf das Laufband als auf die Muckibude ansprechen.

Wer Sport macht, gewinnt Lebensjahre, das ist epidemiologisch recht gut belegt. Dass Sport hinsichtlich möglicher Anti-Aging-Effekte nicht gleich Sport ist, konnten jetzt Kardiologen um PD Dr. Christian Werner, Universitätsklinikum des Saarlandes, und Prof. Dr. Ulrich Laufs, mittlerweile Universitätsklinikum Leipzig, in einer randomisierten Studie zeigen.

Für die vierarmige Studie haben die Forscher  124 gesunde, aber körperlich relativ inaktive Erwachsene rekrutiert. Dabei wollten sie herausfinden, wie sich unterschiedliche Arten einer relativ intensiven körperlichen Betätigung auf bestimmte molekulare Marker auswirken, die mit Langlebigkeit assoziiert sind, konkret die Aktivität des Enzyms Telomerase in Monozyten und die Länge der Telomere in Lymphozyten und Granulozyten.

Der Studie liegt die Beobachtung zugrunde, dass sich die zelluläre Alterung in der Länge der Telomere spiegelt. Telomere sind repetitive Nukleotidsequenzen am Ende eines jeden Chromosoms, die sich wie eine Kapsel um das Chromosom legen und die Zelle, so die Hypothese, auf diese Weise vor einer Apoptose bewahren. Bei alternden Zellen geht die Länge der Telomere zurück. Eines der Enzyme, die gegen eine Verkürzung der Telomere anarbeiten, ist die Telomerase, eine reverse Transkriptase.

Vier Gruppen verglichen

Für ihre Studie haben Werner, Laufs und Kollegen die Probanden in vier Gruppen randomisiert. Eine Gruppe führte den inaktiven Lebensstil für die 26 Wochen der Studie fort. In einer zweiten Gruppe gab es dreimal pro Woche je 45 Minuten Ausdauer-Training, belastet bis 60% der Frequenzreserve. In der dritten Gruppe erfolgte ein ebenfalls auf Ausdauer angelegtes Intervalltraining nach der 4x4-Methode oder Norweger-Methode. Dabei wird viermal vier Minuten intensiv belastet, unterbrochen von Erholungspausen. In der vierten Gruppe schließlich durchliefen die Teilnehmer erneut dreimal pro Woche ein Zirkeltraining an acht typischen Fitnessstudiomaschinen, wobei die alle sechs Wochen adjustierten Gewichte so gewählt wurden, dass pro Gerät zwanzig Wiederholungen gelangen.

Ausgewertet wurde nach einem halben Jahr. Anhand der Zunahme der Sauerstoffkapazität konnten die Wissenschaftler zeigen, dass in allen drei Trainingsgruppen ein ähnlicher Trainingseffekt erreicht wurde. Die mittlere Zunahme der Sauerstoffkapazität betrug in den Interventionsgruppen 2,7 bis 3 ml/min*kg, in der Kontrollgruppe ging der Wert um 1,0 ml/min*kg nach unten. Auch die maximale Laufgeschwindigkeit stieg in allen drei Interventionsgruppen, genauso wie die Herzfrequenz in allen drei Interventionsgruppen fiel. Kurz gesagt: Das Training schlug an.

Signifikante Unterschiede auf zellulärer Ebene

Statistisch signifikante Unterschiede gab es dagegen auf zellulärer Ebene: Bei sportlicher Belastung stieg die Telomeraseaktivität, und die Länge der Telomere nahm zu, allerdings nur in den Gruppen mit Ausdauer- oder Intervalltraining, nicht dagegen in der Gruppe mit Krafttraining, wo sich die Parameter ähnlich verhielten wie in der Kontrollgruppe, nämlich keine große Änderung zeigten.

Zumindest wenn diese beiden molekularen Parameter zugrunde gelegt werden, ist also eher Ausdauertraining als Krafttraining als zellulärer Jungbrunnen anzusehen. Für Werner, den Erstautor der Studie, bestätigt dieses Resultat die Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, wonach Krafttraining aus der Perspektive der kardiovaskulären Prävention nicht als Ersatz, sondern eher als Ergänzung von Ausdauertraining betrachtet werden sollte.

Ausdauertraining  aus kardiovaskulärer Sicht zu bevorzugen

In einem Editorial stellen Prof. Dr. Konstantinos Stellos und Prof. Dr. Ioakim Spyridopoulos aus Newcastle die Studienergebnisse in den Kontext kardiovaskulärer Erkrankungen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen langen bzw. kurzen Telomeren und kardiovaskulären, insbesondere atherosklerotischen Erkrankungen sei bisher nicht beschrieben. Allerdings könne die Verkürzung der Telomere ein Zeichen oxidativen Stresses sein, der wiederum nicht nur auf zellulärer Ebene die Telomere, sondern auch auf Ebene der Blutgefäße das Endothel in Mitleidenschaft ziehe.

Auch gehe eine erhöhte Telomerase-Aktivität mit einer Verbesserung zahlreicher oxidativer Stressparameter einher. Die Kommentatoren schließen sich deswegen der Einschätzung der Studienleiter an, wonach Ausdauertraining aus kardiovaskulärer Sicht zu bevorzugen sei.

Was passiert bei erneuter Inaktivität?

Eine andere Frage ist, wie dauerhaft die Effekte auf die Telomere sind. Schon vor neun Jahren konnten Werner, Laufs und Kollegen zeigen, dass jahrelanges Training die Verkürzung der Telomere sowohl in Mäusen als auch in Menschen verringert. Es ist also kein vorübergehender Effekt.

 „Was wir noch nicht wissen ist, welchen Effekt eine Inaktivität nach vorhergehendem Training hat. Das würde eine eigene Studie erfordern“, so Laufs im Gespräch mit  kardiologie.org. Ob es also ausreicht, sich sechs Monate lang zu quälen, um seine Zellen langfristig zu verjüngen, oder ob zelluläres Anti-Aging ein Dauerprojekt ist, das ist noch ein wenig offen.

Literatur

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