Nachrichten 15.07.2020

Übergewicht wegen der Gene – alles nur Ausreden?

„Ich habe schwere Knochen.“ „Bei mir sind es die Gene, ich kann nichts dagegen machen.“ Alles Ausreden – oder welche Rolle spielen die Gene bei Übergewicht?

Noch viele Jahre später sind mir die Exklamationen der Freundinnen meiner Frau Mutter seligen Angedenkens gegenwärtig, mit denen, die allesamt etwas
hüftstarken Damen beim allwöchentlichen Kaffeekränzchen begründeten, warum man ungehemmt den Freuden der Kuchentafel frönen könne.

Widerstand gegen die Verlockung war gleichermaßen zweck- wie sinnlos und den damaligen Hit von Udo Jürgens – „Aber bitte mit Sahne!“ – nahm man eher als argumentative Bestärkung denn als die ironische Mahnung, die der österreichische Sangesmann (ebenfalls seligen Angedenkens) wohl intendiert hatte. 

Die Hälfte der Deutschen ist zu dick

Zumindest die letztzitierte der Damen lag nicht so weit daneben. Übergewichtig
zu sein, ist durchaus in dem Genmaterial angelegt, mit dem wir uns auf die Reise durch unser Leben begeben. Ulrich Bahnsen, Redakteur im Ressort Wissen der ZEIT, hat einen Essay in der Wochenzeitung zur Rolle der Gene bei der in unserer Gesellschaft geradezu grassierenden Seuche des Übergewichts – in Deutschland haben rund 60 Prozent der Männer und etwa 40 Prozent der Frauen zuviel Fett auf den Rippen und sonst wo – vorgelegt, wie er geradezu
typisch für die „alte Tante“ ist, wie die Publikation von ihren Lesern liebevoll
genannt wird: gut recherchiert, hervorragend lesbar, nachvollziehbar erklärt und – angesichts des Themas nicht selbstverständlich – ohne erhobenen Zeigefinger.

Polygenischer Risikoscore erkennt Übergewicht-Risiko

Wäre Medizinjournalismus doch immer so, seufz. Bahnsen stellt vor allem die Forschungsarbeiten des an der Harvard- Universität wirkenden Kardiologen Sekar Kathiresan und seiner Mitarbeiter vor, die sogenannte Polygenic Risk
Scores (PRS) kreiert haben, mit denen die Erbanlagen mehrerer tausend Teilnehmer verschiedener Gesundheitsstudien auf das Risiko, adipös zu werden, skaliert werden. Sie teilten diese Teilnehmer in Gruppen von niedrigem, mittlerem und hohem Übergewichtsrisiko ein. 

Während sich in den ersten Lebensjahren kaum Unterschiede zeigten, ging die
Schere danach auseinander: mit 28 Jahren waren fast 16 Prozent der Probanden aus der Gruppe mit dem erhöhten Risiko krankhaft übergewichtig und hatten
einen durchschnittlichen BMI von über 40. 

Bahnsen: „Man kann sich ausmalen, wie es in dieser Gruppe aussehen wird, wenn die Probanden jenseits des 50. Geburtstages sind.“ Diese besonders gefährdete Gruppe kann zwar mit radikaler Diät abnehmen, doch futtern sich diese Menschen danach die Pfunde oft mit erschreckender Schnelligkeit wieder an. 

Aber: Übergewicht ist kein unausweichliches Schicksal

Der Artikel macht auf dankenswerte Weise indes deutlich – und dafür ist ihm eine weite Verbreitung zu wünschen – dass selbst bei genetischer Belastung die Fettleibigkeit mit all ihren potenziellen Folgeschäden von Diabetes mellitus über kardiovaskuläre Ereignisse bis zur Demenz kein unausweichliches Schicksal ist: „...am wichtigsten ist es, Kinder und Jugendliche vor Übergewicht zu bewahren. Wer bereits in jungen Jahren zu viel auf den Hüften hat, wird es als Erwachsener kaum wieder los. 

Beste Prävention: Sport

Die beste Prävention ist Bewegung, vor allem Ausdauersport: Der verbrennt nicht nur überschüssige Kalorien, sondern verändert auch wichtige Signalketten im Stoffwechsel, die bei der Regulierung des Gewichts eine Rolle spielen.“ Eigentlich sollte so ein Text ausgedruckt in jeder kardiologischen und pädiatrischen Praxis im Wartezimmer ausliegen. 

Fast Food als Dickmacher

Dennoch ist die Genetik nicht alles. Es liegt auch am Angebot an Nahrung in unserer auch bei den Lebensmitteln bekanntlich hoch technisierten Gesellschaft. Hochverarbeitete Nahrungsmittel, im Englischen „ultra-processed food“, ist als ein Dickmacher sondergleichen identifiziert: „Dazu gehören Fast Food, viele Fertiggerichte, aber auch Wurstwaren oder Frischkäse-Bagels.“ 

Bahnsens Schlussfolgerung kommt zwar für Mutters Kaffeekränzchen zu spät, ist für alle heutigen Generationen, von den Senioren bis zu den Teenagern, eminent wichtig – und verdeutlicht, wie wichtig es für guten Journalismus ist, nicht nur zu unken, sondern Lösungen aufzuzeigen: „Ein Rezept, um den Genen
Paroli zu bieten, ist überraschend einfach umzusetzen: Man meide Rolltreppen
sowie Fahrstühle und fahre mit dem Rad zur Arbeit. Und am Abend lege man sich nicht aufs Sofa (Chips griffbereit) und gucke Kochshows, sondern
stelle sich in die Küche – und koche selbst. Das geht auch ohne genetische
Fachkenntnisse.“

Literatur

CardioNews, Ausgabe 3 2020

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