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14.05.2019 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Digitale Helfer

Unklarer Brustschmerz: Weniger Bildgebung dank Entscheidungsunterstützung

Autor:
Philipp Grätzel

Eine britische Studie bei unklarem, stabilem Brustschmerz deutet darauf hin, dass eine digitale Entscheidungssoftware den Anteil der Patienten, bei denen keine Bildgebung angefordert wird, deutlich steigern kann. Lässt sich so Überdiagnostik verhindern?

Im Zweifel ein Foto: Das ist in Notaufnahmen bei unklaren Brustschmerzen ohne Hinweis auf instabile Angina pectoris oder Infarkt quasi das Standardvorgehen. Seit die CT-Angiographie relativ breit verfügbar und der Zeitaufwand dafür geringer geworden ist, ist die Hemmschwelle für eine koronare Ausschlussdiagnostik bei stabiler Angina weiter gesunken. Ob das unbedingt eine begrüßenswerte Entwicklung ist, daran scheiden sich die Geister. Immerhin handelt es sich um eine Untersuchung mit ionisierenden Strahlen, und es gibt das Problem mit Zufallsbefunden unklarer klinischer Relevanz, die unnötige Diagnosekaskaden anstoßen.

Bei der International Conference on Nuclear Cardiology and Cardiac CT (ICNC) in Lissabon berichtete Dr. Marco Mazzanti vom Royal Brompton Hospital in London über eine prospektive Studie, bei der anhand von 982 Patienten mit stabilem Brustschmerz untersucht wurde, inwieweit ein digitales Entscheidungsunterstützungssystem in dieser klinischen Konstellation zu einem zielgerichteteren Einsatz kardiologisch intendierter bildgebender Verfahren führt.

Software spart Zeit und unnötige Bestrahlung

Zum Einsatz kam eine Softwarelösung namens ARTICA, die einerseits die Leitlinien zur stabilen KHK der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie digital umsetzt, andererseits zusätzlich Maschinenlernalgorithmen nutzt, die anhand realer Patientendatensätze trainiert werden. Die Ärzte verglichen die Empfehlung von ARTICA mit dem, was der zuständige Kardiologe zur selben Zeit empfahl. Verifiziert wurde das Ganze per koronarer CT-Angiographie bei allen Patienten.

Die Unterschiede zwischen ARTICA und Kardiologen waren recht eindrucksvoll. Während die Kardiologen nur bei 4,6% der Patienten gar keine weitere kardiologische Diagnostik für nötig hielten, gab ARTICA diese Empfehlung bei 67% der Patienten, also knapp 15 Mal so oft. Das sparte nicht nur eine Stunde pro Untersuchung, sondern auch eine ganze Menge Strahlung. Dass die Software in der Regel richtig lag, zeigte die Koronar-CT im Anschluss: 97%der Patienten, die die Software ohne weitere kardiale Abklärung nach Hause (oder zu anderen Fachrichtungen) geschickt hätte, hatten in der CCTA keine signifikante KHK, definiert als Koronarstenosen über 50%.

Ergebnisse teilweise auf andere Länder übertragbar

Tatsächlich machte die CCTA-Empfehlung im Wesentlichen den Unterschied aus. Die britischen Kardiologen empfahlen bei 83% der Patienten eine CCTA, die Software nur bei 10%. Belastungstest und funktionelle Test sah ARTICA bei 23% der Patienten als indiziert an, die Kardiologen nur bei 10%. Dazu muss man wissen, dass das britische NICE die CCTA als Erstliniendiagnostik bei Verdacht auf KHK betrachtet. Dies ändert allerdings nichts daran, dass ARTICA bei zwei von drei Patienten gar keine kardiologische Diagnostik empfahl, also auch keine anderweitige Ischämiediagnostik. Insofern sind die Ergebnisse zumindest teilweise auf andere Länder übertragbar.

Literatur

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