Nachrichten 09.08.2018

Weniger Salz – ist die generelle Empfehlung übertrieben?

Die WHO empfiehlt derzeit nicht mehr als 5 Gramm Kochsalz pro Tag zu sich zunehmen. Diese Empfehlung scheint nach den Ergebnissen einer großen Bevölkerungsstudie übertrieben zu sein.

Eine Einschränkung des Salzkonsums scheint nur Sinn zu machen, wenn übermäßig viel Salz zugeführt wird. Das zumindest suggeriert eine aktuell im „The Lancet“ publizierte Studie, in der Daten der Ernährungsstudie PURE mit über 90.000 Personendaten ausgewertet worden sind.

Erneut stellt die Arbeitsgruppe um Prof. Andrew Mentes damit die aktuellen Empfehlungen diverser Fachgesellschaften infrage. Bereits vor zwei Jahren haben sie mit einer Studie für Aufsehen erregt, in der ein niedriger Salzkonsum sich sogar nachteilig auf die Lebenserwartung ausgewirkt hatte.

Was Fachgesellschaften aktuell empfehlen

Die WHO und die ESC empfehlen derzeit nicht mehr als 2 Gramm Natrium täglich zu konsumieren (entspricht 5 Gramm Kochsalz). Die Amerikanische Kardiologie-Gesellschaft AHA ist noch strenger und setzt die Grenze bei 1,5 Gramm Natrium (3,75 g Kochsalz).

Sind diese Empfehlungen also übertrieben? „Ehe wir die Leitlinien ändern, sollten wir uns daran erinnern, dass die Erkenntnisse von Mentes und Kollegen auf einer Beobachtungsstudie und hauptsächlich auf Daten asiatisch stämmiger Personen basieren“, kommentieren Prof. Franz Messerli und Prof. Louis Hofstetter die aktuellen Ergebnisse in einem Editorial. Die 24-Stunden-Natriumausscheidung sei zudem über den Nüchtern-Urin am Morgen geschätzt worden.

„Provokative Ergebnisse“

Nach Ansicht der Hypertonie-Experten beweist diese Studie damit nicht, dass eine aktive Intervention zur Salzreduktion bei Patienten, die einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten haben, keinen Nutzen bringt. „Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse provokativ und sollten in einer randomisierten kontrollierten Studie überprüft werden.“

Im Rahmen der PURE-Studie wurde das Ernährungsverhalten von 95.767 Personen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt erfasst und mit den in den folgenden 8,1 Jahren eingetretenen kardiovaskulären Ereignis- und Mortalitätsraten in Beziehung gesetzt.

Ab 5 Gramm Natrium wird’s problematisch

Dabei stellte sich heraus, dass jedes zugeführte Gramm Natrium mehr pro Tag mit einem Blutdruckanstieg von 2,86 mmHg systolisch einherging.  

Signifikant war diese Assoziation jedoch nur für Gegenden, in denen sehr viel Salz konsumiert wird. Konkret traf das auf China zu, wo 80% der Bevölkerung mehr als 5 Gramm Natrium pro Tag (12,5 Gramm Salz, entspricht circa 2,5 Teelöffel) zu sich genommen hat. Die durchschnittliche Natrium-Zufuhr in allen anderen Gegenden der Welt lag bei 4,77 g/Tag (3,22–7,52).

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften hatte keines der 18 untersuchten Länder einhalten können.

Auf individueller Basis variierte die Natriumzufuhr allerdings deutlich stärker als auf Bevölkerungsebene und lag zwischen 1,92 und 19,2 g/Tag.

Zu wenig Salz ist auch nicht gut

Wenig überraschend ging eine hohe Natriumzufuhr (> 5,08 g/Tag) mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko einher. So lag die Schlaganfall-Inzidenz in China bei 0,42 und in den anderen Ländern bei nur 0,16 Ereignissen pro 1.000 Personenjahre.

Erstaunlich war, dass eine niedrige Natriumzufuhr (< 4,43 g/Tag)  invers mit dem Auftreten von Herzinfarkten und kardiovaskulären Ereignisse assoziiert war, das Risiko also dann anstieg.

Empfehlungen nur für Länder mit hohem Konsum

Diese auf Bevölkerungsebene erhobenen Daten würden dafür sprechen, statt einer globalen Strategie zur Salzreduktion entsprechende Interventionen nur in Ländern mit einer hohen Salzzufuhr (> 5 g Natrium) zu etablieren, um damit die Rate an kardiovaskulären Erkrankungen einschließlich Schlaganfälle senken zu können, resümieren Mentes und Kollegen. Falls sich die inverse Assoziation zwischen niedrigem Salzkonsum und einer erhöhten Herzinfarktrate bewahrheite, ließen sich dadurch die potenziellen Nachteile einer Salzreduktion in Populationen mit mittlerem Salzkonsum womöglich vermeiden.

Im Übrigen haben Frauen in Hongkong mit einem durchschnittlichen Salzkonsum von 8 bis 9 Gramm – also mehr als das Doppelte, was die AHA empfiehlt – mit 87,3 Jahren eine der höchsten Lebenserwartungen.

Die kanadischen Wissenschaftler erklären allerdings nicht, durch welche Mechanismen eine geringe Salzzufuhr dem Herzen schaden könnte. Messerli und Hofstetter könnten sich vorstellen, dass Natrium organspezifisch unterschiedliche Effekte hat. Aber auch hier ist die Kausalität hinter dem gezeigten Zusammenhang zu hinterfragen.

Viel Kalium scheint förderlich

Für Kalium zeigte sich in der aktuellen Analyse eine eindeutige lineare Assoziation, nämlich je mehr desto weniger kardiovaskuläre Ereignisse. Laut der kanadischen Studienautoren könnte es daher vielleicht Sinn machen, Natrium im Kochsalz durch Kalium zu ersetzen. Die gezeigte Assoziation könne aber auch nur ein Marker für einen gesunden Lebensstil sein, weisen sie einschränkend hin. So sind Früchte und Gemüse reich an Kalium und eine entsprechende Ernährungsweise scheint der Herzgesundheit zuträglich zu sein, wie u. a. die beim ESC-Kongress 2017 vorgestellten Daten der PURE-Studie verdeutlicht haben (ESC 2017_Gemüse und Früchte verlängern das Leben – bieten aber keinen Herzschutz).

Literatur

Mente A, O’Donnell M, Rangarajan S et al. Urinary sodium excretion, blood pressure, cardiovascular disease, and mortality: a community-level prospective epidemiological cohort study. Lancet 2018; 392: 496–506

Messerli FH, Hofstetter L, Bangalore S. Salt and heart disease: a second round of "bad science"? Lancet. 2018 Aug 11;392(10146):456-458. doi: 10.1016/S0140-6736(18)31724-0. Epub 2018 Aug 9.

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen