Nachrichten 01.07.2020

Wie sinnvoll sind Statine für ältere Patienten, die gesund sind?

Statine sind umstritten, obwohl ihr Nutzen in Studien eindeutig belegt ist. Tatsächlich nicht ganz klar ist allerdings, ob auch ältere, bisher gesunde Patienten von einer solchen Behandlung profitieren. Eine Studie ist dieser Frage jetzt nachgegangen.  

Macht es Sinn, einen 75-jährigen Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen prophylaktisch mit einem Statin zu behandeln? Auf diese Frage – die sich Ärzte im Praxisalltag sicher öfters stellen – haben nun australische Wissenschaftler versucht, eine Antwort zu finden.

Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen

„Die Hauptsorge bei einem solchen Vorgehen ist, dass ältere Menschen womöglich anfälliger und weniger tolerant sind für Nebenwirkungen der Behandlung als jüngere“, erläutern Dr. Zhen Zhou und Kollegen von der Universität Tasmania in Australien die weit verbreiteten Bedenken. Daneben stellen sich einige die Frage, ob die langfristigen Effekte der Behandlung bei älteren Menschen, die vielleicht nicht mehr so lange leben, überhaupt noch zum Tragen kommen.

Weniger Herzinfarkte und Co

In der aktuellen Untersuchung hat sich eine Statintherapie vor allem in Bezug auf das kardiovaskuläre Risiko auch bei ≥ 70-jährigen Patienten ausgezahlt. Eine zu Studienbeginn bestehende prophylaktische Statinbehandlung war über einen Zeitraum von 4,7 Jahren mit einem signifikant um 32% relativ geringerem Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) assoziiert (adjustierte Hazard Ratio, HR: 0,68; p˂ 0,001).

Ebenso war das Risiko für eine bleibende körperliche Behinderung für die mit Statinen behandelten Patienten deutlich geringer (HR: 0,75; p=0,02). Hauptsächlich deshalb, weil die Patienten weniger MACE erlitten haben, die zu einer Behinderung geführt haben (solche Fälle ausgeschlossen, war diese Assoziation nämlich nicht mehr vorhanden).

Aber kein Effekt auf das Sterberisiko

Keinen Effekt hatte eine Statintherapie demnach auf das Risiko der Patienten, zu sterben oder dement zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, ihr Leben ohne körperliche Einschränkungen zu verlängern, erhöhte sich dadurch ebenfalls nicht. Das Ausbleiben einer signifikanten Senkung des Sterberisikos führen die australischen Wissenschaftler auf die relativ niedrigen kardiovaskulären Todeszahlen zurück (24,5% aller Todesfälle).

Eine weit verbreitete Sorge, dass sich Statine negativ auf die Kognition auswirken könnte, hat sich in dieser Studie im Übrigen nicht bestätigt, das Demenz-Risiko war unter einer Statinbehandlung nicht erhöht.

Bessere Statine als ASS in der Primärprävention

In diesem Sinne ging diese Sekundäranalyse der ASPREE-Studie deutlich positiver aus als die vor zwei Jahren publizierten Primärergebnisse der Studie. Diese hatten nämlich gezeigt, dass Acetylsalicylsäure (ASS) in der Primärprävention keinen Nutzen bringt, gar sogar schädlich sein könnte.

„Eine Primärprävention mit Statinen scheint hier die deutlich vielversprechendere Strategie für gesunde Ältere zu sein“, resümieren die Ärzte um Zhou. Sie glauben, dass ihre Ergebnisse bestehende Bedenken in Bezug auf eine Statintherapie bei Älteren eine Stück weit relativieren konnten, weil sich eben gezeigt habe, dass die Behandlung mit einem 25% relativ geringerem Risiko für bleibende körperliche Einschränkungen assoziiert war. 

Im Praxisalltag individualisiert vorgehen

Ähnlich positiv äußern sich Dr. James Kirkpatrick und Dr. Gwen Bernack in einem Editorial: „Die Studie bringt mehr gute als schlechte Nachrichten", lautet ihr Fazit. Die beiden Kardiologen aus den USA hoffen, dass Zhou et al. mit ihrer Arbeit dazu beitragen, weniger „Fake News“ zu generieren. 

Im Praxisalltag plädieren sie für ein individualisiertes Vorgehen. Etwa sollte man ihrer Ansicht nach bei einem gebrechlichen 75-jährigen Mann mit statininduzierten Myalgien und Polymedikation eine Statintherapie bzw. -verschreibung womöglich besser vermeiden. Bei einem fitten 90-jährigen Patienten, der sich vor körperlichen Einschränkungen und Demenz fürchte, könne hingegen der Beginn einer Statintherapie sinnvoll sein.

Randomisierte Studien werden erwartet

Insgesamt wurden in dieser Sekundäranalyse der ASPREE-Studie 18.096 Patienten in einem Alter von ≥ 70 Jahren im Mittel 4,7 Jahre lang nachverfolgt, 5.629 von ihnen hatten zu Studienbeginn Statine eingenommen. Bei den anfänglichen Statin-Usern setzten 87% bis 98% die Therapie weiter fort, bei den Nichtusern begannen zwischen 6% und 17% in den folgenden Jahren Statine einzunehmen.

Inwieweit sich die Dauer der Statintherapie auf die Prognose der Patienten ausgewirkt hat, darüber gibt die Studie keine Auskunft. Ebenso wenig ist bekannt über den Grund, warum manche Patienten Statine bekommen haben und anderen nicht. Typische Nebenwirkungen einer Statintherapie wie Muskelschwäche sind in der Studie nicht dokumentiert worden, sodass darüber keine Aussage zu treffen ist. 

Somit ist die Studie mit Vorsicht zu interpretieren, worauf auch Zhou und Kollegen hinweisen. Eine kausale Beziehung könne aufgrund des beobachtenden Designs nicht hergestellt werden, machen sie deutlich. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung müssen deshalb erst durch randomisierte placebokontrollierte Studien wie die STAREE- oder PREVENTABLE-Studie bestätigt werden. 

Literatur

Zhou Z et al. Association of Statin Use With Disability-Free Survival and Cardiovascular Disease Among Healthy Older Adults; J Am Coll Cardiol. 2020,76(1):17–27.

Kirkpatrick J, Bernack G. Primary Prevention Statins in Older Patients; J Am Coll Cardiol. 2020,76(1):28–30.

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