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05.03.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Vorhofflimmern

Qualität der Antikoagulation ist keine Frage des Geschlechts

Autor:
Peter Overbeck

Die Behandlung mit Antikoagulanzien zur Schlaganfallprophylaxe ist bei Frauen und Männern mit Vorhofflimmern weitgehend gleich. Zu diesem – von den Untersuchern so nicht erwarteten – Ergebnis kommt eine Analyse von Daten aus einem großen weltweiten Register.

Frauen mit Vorhofflimmern haben tendenziell ein höheres Schlaganfallrisiko als Männer mit dieser Arrhythmie. Weibliches Geschlecht ist deshalb im CHA2DS2-VASc-Score, der heute zur Abschätzung des Schlaganfallrisikos empfohlen wird, in den dabei zugrunde liegenden Risikofaktoren enthalten.

Die Gründe für das höhere Risiko bei Frauen sind noch unklar. Möglicherweise ist die Tatsache, dass Frauen im Schnitt älter werden als Männer, i von Bedeutung. Denkbar ist auch, dass Frauen mit Vorhofflimmern seltener Antikoagulanzien erhalten oder im Falle einer Antikoagulation schlechter eingestellt sind als Männer.

Blick in den Praxisalltag

Wie steht es um die Antikoagulation bei Frauen und Männern im realen Praxisalltag? Dieser Frage ist eine internationale Forschergruppe um Professor Gregory Lip von der Universität Birmingham in einer Analyse weltweit erhobener Daten von 17.184 Patienten mit neu diagnostiziertem Vorhofflimmern nachgegangen. Davon waren 43,8 Prozent Frauen. Analysiert wurde die jeweilige antithrombotische Therapie in Abhängigkeit vom Schlaganfall- und Blutungsrisiko (CHADS2-Sccore, CHA2DS2-VASc-Score, HAS-BLED-Score)

Die Forscher um Lip hatten eigentlich erwartet, dass der Anteil der mit Antikoagulanzien behandelten Patienten unter den Frauen niedriger sein würde als unter den Männern. Diese Erwartung bestätigte sich nicht.

Antikoagulationsrate bei Männern und Frauen gleich

Vielmehr stellten die Untersucher fest, dass in der Gruppe mit mittlerem bis hohem Schlaganfallrisiko (CHADS2-Score = 2 oder höher) der Anteil der mit Antikoagulanzien (Vitamin-K-Antagonisten, direkte orale Antikoagulanzien, DOAK) behandelten Patienten bei Männern und Frauen praktisch identisch war (60,9 versus 60,8 Prozent). Bei  jeweils knapp 12 Prozent erfolgte die Behandlung mit einem DOAK (Faktor-Xa-Hemmer oder direkter Thrombinhemmer)

Zufrieden mit der festgestellten Qualität der Behandlung sind Lip und seine Kollegen gleichwohl nicht. Denn ihre Analyse offenbart hinsichtlich der antithrombotischen Behandlung auch ein nicht geringes Maß sowohl an therapeutischer Unter- als  auch Überversorgung.

Therapeutische Über- und Unterversorgung

So erhielten auch viele Patienten eine Antikoagulation, bei denen diese Prophylaxe aufgrund eines niedrigen Schlaganfallrisikos als nicht indiziert erachtet wird. Unter diese Risikokategorie gruppierten die Studienautoren Männer mit einem CHA2DS2-VASc-Score = 0 und Frauen mit einem CHA2DS2-VASc-Score = 1. Trotz ihres niedrigen Risikos hatten 41,8 Prozent dieser Männer und 41,1 Prozent dieser Frauen eine Antikoagulation erhalten.

Stellt man noch den Anteil der Patienten in Rechnung, die nur mit Thrombozytenhemmern behandelt worden waren, waren es in dieser „Low-Risk“-Gruppe am Ende nur 24,4 Prozent aller Frauen und 28,3 Prozent aller Männer, die den Leitlinien entsprechend keine antithrombotische Prophylaxe erhalten hatten.

Während bei Niedrigrisiko-Patienten somit oft zu viel des Guten getan wurde, war es bei Patienten mit höherem Risiko (CHA2DS2-VASc-Score = 2 oder höher) häufig zu wenig. Von den dieser Risikokategorie zugeordneten Patienten blieben 35,4 Prozent (Männer) und 38,4 Prozent (Frauen) trotz bestehender Indikation ohne Antikoagulation.

Erhoben wurden die Daten im Rahmen des laufenden prospektiven GARFIELD-AF-Registers (Global Anticoagulant Registry in the FIELD-Atrial Fibrillation). In dieses prospektive Register sollen weltweit zeitlich gestaffelt mehr als 55.000 Patienten mit neu diagnostiziertem nicht-valvulärem Vorhofflimmern aufgenommen werden. Das ambitionierte Projekt soll einen Einblick in die Behandlung dieser Patienten im Praxisalltag geben.

Ein Fazit

Die Qualität der Schlaganfallprophylaxe bei Vorhofflimmern ist nach den jetzt vorlegten Studiendaten offenbar keine Frage des Geschlechts. Die Ergebnisse zeigen  gleichwohl, dass in Sachen risikobasierte Antikoagulation  bei Vorhofflimmern unabhängig vom Geschlecht noch Optimierungsbedarf besteht, so die Studienautoren.

Literatur