Nachrichten 26.03.2021

Rote-Hand-Brief: Erhöhtes Herzrisiko mit Rheuma-Medikament

Für den Januskinase-Inhibitor Tofacitinib ist ein Roter-Hand-Brief veröffentlich worden. Speziell bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren ist beim Einsatz des Rheuma-Medikamentes Vorsicht angebracht.

Das Rheuma-Medikament Tofacitinib könnte ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) und maligne Erkrankungen bergen. Darauf verweisen der Hersteller Pfizer in Abstimmung mit der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in einem neuen Rote-Hand-Brief.

Eingesetzt wird Tofacitinib zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis, Psoriasis-Arthritis und Colitis Ulcerosa, wenn die entsprechenden Basismedikamente unzureichend angesprochen haben. In Europa wurde das Medikament erst im Jahr 2017 zugelassen, in den USA bereits im Jahr 2013. Grund für die spätere Zulassung hierzulande waren u.a. Sicherheitsbedenken der EMA, weshalb sich die Behörde 2013 zunächst gegen die Zulassung entschieden hatte.

Erhöhtes MACE-Risiko in Postzulassungs-Studie

Grund für die aktuelle Warnung sind vorläufige Ergebnisse der randomisierten ORAL Surveillance-Studie, einer Postmarketing-Studie, in der die Sicherheit von Tofacitinib speziell bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren überprüft worden ist. Insgesamt 4.352 Rheuma-Patienten wurden hierfür randomisiert entweder mit Tofacitinib (5 mg 2 × täglich oder 10 mg 2 × täglich) oder mit einem TNF-alpha-Inhibitor (Adalimumab oder Etanercept) behandelt. Alle Teilnehmer wiesen mind. einen kardiovaskulären Risikofaktor auf, z.B. einen Diabetes, eine Hypertonie, eine KHK usw. 

Laut der Primäranalyse war das Risiko für adjudizierte MACE-Ereignisse mit Tofacitinib um relativ 33% höher als mit einem der beiden TNF-alpha-Inhibitoren (Hazard Ratio, HR: 1,33; 95%-KI: 0,91–1,94). Das Risiko für die Entwicklung einer Krebserkrankung (außer nicht-melanozytärer Hautkrebs, NMSC) war mit dem Januskinase-Inhibitor im Vergleich um fast 50% erhöht (HR: 1,48; 95%-KI: 1,04–2,09). Herzinfarkte waren die häufigsten kardiovaskulären Komplikationen, bei den malignen Erkrankungen waren es Lungentumore.

Die Daten der bereits abgeschlossenen Studie werden nach Angaben der Pharmafirma Pfizer noch weiterführend ausgewertet und im Anschluss von der EMA bewertet. „Die endgültigen Schlussfolgerungen und Empfehlungen werden kommuniziert, sobald diese Auswertung abgeschlossen ist“, heißt es in dem Rote-Hand-Brief.

Vorsicht bei entsprechenden Risikofaktoren

Bis dahin sollten Ärzte den Nutzen und das Risiko einer Behandlung mit Tofacitinib abwägen und dabei die Empfehlungen in der Produktinformation beachten. Dort wird bereits darauf hingewiesen, dass Tofacitinib bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren für venöse Thromboembolien unabhängig von Anwendungsgebiet und Dosierung mit Vorsicht angewendet werden sollte.

Mediziner werden zudem dazu aufgerufen, Verdachtsfälle von Nebenwirkungen unter der Behandlung zu melden, entweder an Pfizer oder alternativ an das BfArM (https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/_node.html).

Wichtig: Ihren Patienten sollten Ärzte raten, die Therapie nicht ohne Rücksprache zu beenden.

Literatur

Rote-Hand-Brief zu Xeljanz (Tofactinib): Erhöhtes Risiko für schwerwiegende unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse und maligne Erkrankungen im Vergleich zu TNF-alpha-Inhibitoren, veröffentlicht am 24.03.2021

European Medicines Agency: Refusal of the marketing authorisation for Xeljanz (tofacitinib), veröffentlicht am 25. April 2013

Safety Study Of Tofacitinib Versus Tumor Necrosis Factor (TNF) Inhibitor In Subjects With Rheumatoid Arthritis; NCT02092467 https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02092467 

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