Onlineartikel 16.02.2016

Ruinieren interventionelle Kardiologen ihre Gesundheit?

Körperliche Folgeschäden der Arbeit im Katheterlabor werden von Kardiologen gern heruntergespielt. Aber zumindest was die Wirbelsäule und was die Augenlinse angeht, sind sie real. Das Problem: Was vor Strahlung schützt, macht der Wirbelsäule zu schaffen.

Die beruflichen Risiken der Arbeit im Katheterlabor werden zumindest in Nordamerika zunehmend thematisiert. Vor wenigen Monaten gab es eine Umfrage der Society for Cardiovascular Angiography and Interventions (SCAI), bei der über 2.700 Mitglieder der Fachgesellschaft befragt wurden. 310 antworteten.

Im Mittel führte jeder 380 diagnostische Eingriffe und 200 Interventionen pro Jahr durch. Einer von zehn gab an, dass er schon einmal wegen mit der Arbeit im Katheterlabor in Zusammenhang stehenden körperlichen Beschwerden eine längere berufliche Auszeit nehmen musste. Jenseits des 60. Lebensjahrs war es jeder dritte. Beschwerden, die nicht zwangsläufig eine längere Auszeit nach sich ziehen, sind viel häufiger: Die Hälfte gab orthopädische Beschwerden an, davon wiederum die Hälfte im Bereich der Halswirbelsäule.

Kataraktrisiko ist erhöht

Jenseits der muskuloskelettalen Probleme sind es vor allem strahlenbezogene Schäden, über die sich interventionelle Kardiologen Gedanken machen und vor denen sie versuchen sollten, sich optimal zu schützen. Beim International Symposium on Endovascular Therapy (ISET) in Hollywood war dieses Thema Anfang Februar Teil einer eigenen Kongress-Session. Die Arbeitsmedizinerin Lindsay Machan von der University of British Columbia in Vancouver berichtete über mittlerweile mehrere Studien, in denen bei interventionellen Kardiologen eine erhöhte Kataraktinzidenz beschrieben wurde.

So war insbesondere die Rate posteriorer, subkapsulärer Katarakte in einer französischen Kohortenstudie bei 106 Kardiologen mit 17 % mehr als dreimal so hoch wie in einer Vergleichsgruppe, während es bei anderen Spielarten der Katarakt, namentlich im Linsenkern und kortikal, keine Unterschiede zwischen den Gruppen gab.

Auch andere Strahlenfolgen bei interventionellen Kardiologen werden zumindest diskutiert. So gab es vor einiger Zeit Berichte über mehrere Kardiologen mit linksseitigen Hirntumoren, also Tumoren auf jener Seite, die im Katheterlabor typischerweise näher an der Strahlenquelle ist. Das sind allerdings nur Fallberichte. Harte Zahlen dazu gibt es nicht, weil Hirntumore viel zu selten sind.

Insgesamt scheine speziell die Augenlinse deutlich empfindlicher gegenüber Strahlung zu sein als bisher angenommen wurde, so Machan in Hollywood. Sie empfahl deswegen, das Auge durch spezielle Brillen, besser Gesichtsmasken zu schützen.

Schutzequipment: Je leichter desto riskanter

Was die Schutzwirkung angeht, können sich Radiologen auch weiterhin zumindest grob am Gewicht der Strahlenschutzkleidung orientieren. Machan machte das an den Brillen deutlich: In einer arbeitsmedizinischen Untersuchung aus dem Jahr 2013 schützten klassische, schwere Brillen deutlich besser als die komfortabler zu tragenden, leichten Schutzbrillen.

Bei den Strahlenschutzschürzen sei es letztlich ähnlich, betonte Dr. Chet Rees, Radiologe am Baylor & Scott White Medical Center in Dallas. Leichte und/oder bleifreie Schürzen böten generell schlechteren Schutz als schwere, bleihaltige Schürzen. Keine klaren Unterschiede gebe es hinsichtlich der Strahlenschutzwirkung zwischen Schürzen, die aus einem bzw. zwei Teilen bestehen.

Nun ist das mit dem Gewicht natürlich so eine Sache. Was gut vor Strahlen schützt, macht häufig dem Rücken mehr Probleme. Auch dazu hatte Rees Daten parat: Das Tragen bleihaltiger Schutzkleidung korrelierte in einer Umfrage der Mayo Clinic eindeutig mit muskuloskelettalen Beschwerden. Und die Beschwerden waren umso ausgeprägter, je häufiger die Bleischürzen getragen wurden.

Als möglichen Ausweg aus Dilemma sieht Rees einerseits einen sehr viel breiteren und systematischeren Einsatz von an die Decke montierten, schwenkbaren Strahlenschutzschilden, andererseits robotergestützte Kathetersysteme, die die Zeit im Einzugsbereich der Strahlenquelle minimieren helfen. Bis solche Robotersysteme flächendeckend verfügbar sind, sollte, wer sicher gehen wolle, auch weiterhin auf das schwere, bleihaltige Schutzequipment setzen und nicht auf komfortablere, aber weniger sichere Alternativen, empfahl Rees. 

Literatur

Machan L. Occupational Health and Radiation Exposure. The 28th International Symposium on Endovascular Therapy; Keynote Lecture. Hollywood, 8. Februar 2015

Rees CR. Musculoskeletal Risks of Working in a Leaded Environment. The 28th International Symposium on Endovascular Therapy; Session 1. Hollywood, 8. Februar 2015