Nachrichten 18.02.2022

10-fach erhöhtes Schlaganfallrisiko unmittelbar nach COVID-19-Diagnose

Gerade in den ersten Tagen nach einer COVD-19-Diagnose scheint das Schlaganfallrisiko besonders hoch zu sein, so das Ergebnis einer großen US-Studie. Für gewisse Patienten zeigte sich eine besonders starke Assoziation.  

Während der ersten drei Tage nach einer COVID-19-Diagnose ist das Risiko, einen ischämischen Schlaganfall zu erleiden, offenbar besonders hoch. Eine entsprechende Assoziation zeigte sich jetzt in einer großen Studie aus den USA, die auf der „International Stroke Conference“ vorgestellt und zeitgleich in der Fachzeitschrift „Neurology“ publiziert worden ist.

Die Autoren um Dr. Quanhe Yang aus Atlanta haben Krankenversichertendaten von 37.379 Patienten in einem Alter von 65 Jahren oder älter ausgewertet, die zwischen 1. Januar 2020 und 28. Februar 2021 an COVID-19 erkrankt waren und einen Schlaganfall erlitten haben. Im Sinne einer selbstkontrollierten Fallserie verglichen sie die Häufigkeit von Schlaganfall-bedingten Krankenhauseinweisungen während unterschiedlicher Zeitperioden nach der COVID-19-Diagnose (0–3, 4–7, 8–14 und 15–28 Tage) mit der Häufigkeit während der verbleibenden Zeitspannen, die als Kontrollperiode herangezogen wurden.

Inzidenz in den ersten drei Tagen besonders hoch

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die Inzidenzen von Hospitalisierungen aufgrund von ischämischen Schlaganfällen während der ersten drei Tage nach der COVID-Diagnose zehnmal so hoch waren als in der Kontrollperiode (Incidence Rate Ratio, IRR: 10,3; 95%-KI: 9,86–10,8). Das Ausmaß der Assoziation zwischen COVID-19-Diagnose und Schlaganfallrisiko sei überwiegend konsistent zwischen den Geschlechtern und Ethnizitäten sowie in den verschiedenen Sensitivitätsanalysen gewesen, berichten Yang und Kollegen.

Der Zusammenhang war umso stärker, je jünger die Patienten waren: Das Schlaganfallrisiko für 65–74-Jährige in den ersten drei Tagen nach einer COVID-Diagnose war somit höher als für ≥ 85-Jährige (IRR: 14,7 vs. 7,0; p ˂ 0,001). Ebenfalls stärker ausgeprägt war das Schlaganfallrisiko im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion bei Personen, die bisher noch keinen Schlaganfall erlitten haben, im Vergleich zu Personen mit einer entsprechenden Vorgeschichte (IRR: 14,6 vs. 7,9; p ˂ 0,001).

Andere Studienergebnisse werden bestätigt

Die Studie liefere eine Klasse IV-Evidenz dafür, dass eine SARS-CoV-2-Infektion bei über 65-jährigen Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen ischämischen Schlaganfall innerhalb der ersten drei Tage nach der Diagnose assoziiert ist, schließen die Autoren aus ihren Ergebnissen. Ihre Daten unterstützten damit die Ergebnisse anderer Studien, in denen sich vergleichbare Assoziationen gezeigt hätten, etwa die einer schwedischen Analyse, die im Juli letzten Jahres im Lancet veröffentlicht wurde.

Auffällig viele Ereignisse an Tag 0

Auffällig an der aktuellen Studie ist allerdings, dass an Tag 0, an dem die COVID-19-Diagnose gestellt wurde, sehr viele Schlaganfälle passiert sind, insgesamt 1.924 Ereignisse. Schließt man diesen Tag als Risikoperiode aus der Analyse aus, lässt die zu beobachtende Assoziation deutlich nach: mit einer IRR von 1,77 zwischen Tag 1 und 3. Yang und Kollegen gehen jedoch davon aus, dass die meisten Patienten schon vor der Schlaganfall-Diagnose mit SARS-CoV-2 infiziert waren, auch wenn beide Diagnosen auf denselben Tag gefallen sind, und damit die zeitliche Exposition gegeben ist. Trotz allem kann die erhöhte Ereigniszahl an Tag 0 das Ergebnis verzerrt haben. So könnte das bei Klinikaufnahme übliche Screening auf SARS-CoV-2 dazu geführt haben, dass einige der an diesen Tagen eingelieferten Schlaganfallpatienten einen positiven Virusnachweis hatten, obwohl die initiale Infektion schon weiter zurückgelegen hat. In der erwähnten schwedischen Fall-Kontroll-Studie war allerdings selbst nach Ausschluss von Tag 0 das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse infolge einer COVID-Diagnose deutlich erhöht.

Literatur

Yang Q et al. COVID-19 and Risk of Acute Ischemic Stroke Among Medicare Beneficiaries Aged 65 Years or Older: Self-Controlled Case Series Study. Neurology. 2022; DOI: 10.1212/WNL.0000000000013184

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