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09.06.2018 | Nachrichten

Selbsteinschätzung statt echtem Test

Sind Bürger gesundheitskompetent?

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Laut einer Befragung ist nur die Hälfte der Bevölkerung kompetent in Sachen Gesundheit. Doch wie heißt es so schön: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!

Eine Sache kann man immer von zwei Seiten betrachten, eine Zahl ebenso. Die Mitteilung des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz, wonach 54 % der deutschen Bevölkerung angeblich eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz haben, dürfte bei manchem Laien einen Ausruf von gebremster Erschütterung auslösen: Was, so viele? Gebremst deshalb, da die eigene Person natürlich niemals zu den In- oder Teilkompetenten zu rechnen wäre. Eine Ärztin würde am Ende eines langen Tages in der Praxis oder in der Klinik möglicherweise ihr Erstaunen in ähnlichen Worten, aber aus gänzlich anderer Sichtweise ausdrücken: Was, nur 54 %? Es gibt Tage, an denen Mediziner von früh bis spät gegen eine Mauer von Unverständnis und Unwissen anzupredigen scheinen und sich bei Verlassen des Sprechzimmers die Frage aufdrängt, wie viele Patienten heute wirklich einigermaßen verstanden haben, was man dem Gegenüber zu dessen eigenem Befinden hat vermitteln wollen – zwei, drei oder noch mehr?

Wenn die Einschätzung trügt

Die Aussage mit den 54 % wurde zur „Unstatistik des Monats“ erklärt und dies mit einiger Berechtigung: Bei den Bundesbürgern und Bundesbürgerinnen, auf denen diese Zahl basiert, wurde nämlich keine Kompetenz getestet, sondern nur die eigene Einschätzung derselben erfragt. Und die war recht verhalten bzw. ließ erkennen, dass die Befragten gelegentlich zur Überschätzung neigen.

Die Initiatoren der „Unstatistik des Monats“, der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer, weisen auf die Mängel der Erhebung hin: „Es wurden 47 Fragen zu verschiedenen Kompetenzen gestellt und die Probanden schlicht gebeten, selbst subjektiv zu beurteilen wie hoch ihre Kompetenz wäre. Ein Beispiel: ‚Wie einfach/schwierig ist es, die Packungsbeilagen/Beipackzettel Ihrer Medikamente zu verstehen?‘ Das fanden 41 % der Befragten ziemlich einfach und 22 % sehr einfach. Wir wissen aber von wirklichen Tests, dass Beipackzettel selbst von Ärzten nicht verstanden werden. Jedem, der nicht weiß, was er nicht weiß und fälschlicherweise angibt, Beipackzettel leicht zu verstehen, wurde hier hohe Gesundheitskompetenz zugeschrieben.“

Ein echter Studien-Bias

Grundsätzlich sind Statistiken mit großer Vorsicht zu genießen, die von Institutionen kommen, welche ihr zentrales Anliegen bereits im Namen führen. Eine Umweltinitiative wird nie und nimmer verkünden, dass in ihrem Wirkungsbereich die Luft sauber, die Flüsse rein und die Lebensmittel kerngesund sind – die Spenden oder Fördermittel würden versiegen. Eine Gleichstellungsbeauftragte, die zum Besten gäbe, an ihrer Universität oder in ihrer Firma seien Frauen bestmöglich gefördert und die Mehrzahl der leitenden Positionen in Frauenhand, würde geradezu nach Abschaffung ihrer Stelle und eigener Arbeitslosigkeit schreien. Und wie jede andere auf ein Problem fixierte und letztlich dadurch alimentierte Institution, wird auch ein Aktionsplan Gesundheitskompetenz niemals mit der Kompetenz der Bevölkerung in Sachen Gesundheit zufrieden sein – es liegt in der Natur solcher Einrichtungen.

Überhaupt: Ist viel Kompetenz, wie sie manche Patienten sich selbst freimütig zugestehen, überhaupt so erstrebenswert? Ein Praxisnachmittag, in dem Lehrerinnen und Psychologen im Patientengut überrepräsentiert sind, mag nachdenklich stimmen.