Nachrichten 14.02.2020

So häufig sind Krebsmedikamente kardiotoxisch

In einer prospektiven Studie mit 865 Tumorpatienten zeigten 38% der Patienten eine Chemotherapie-bedingte Kardiotoxizität. Bei 3% entwickelte sich eine schwere Form – die mit einer 10-fach erhöhten Sterblichkeit einherging.

Kardiotoxizität ist eine wichtige und gefürchtete Nebenwirkung onkologischer Behandlungen. Um die durch medikamentöse oder radiologische Therapien bedingte Schädigung des Myokards möglichst früh zu erkennen, ist ein besseres Verständnis notwendig, welche Therapien wie häufig zu Herzschädigungen führen und wie oft es wirklich ernst wird.

Das in Zulassungsstudien erfasste Kardiotoxizitätsprofil von vielen Krebsmedikamenten scheint einer gerade erst publizierten Analyse zufolge wahrscheinlich nicht der Realität zu entsprechen. 

Eine spanische Autorengruppe hat nun in einer prospektiven Studie bei 865 onkologischen Patienten im Anschluss an eine Tumortherapie nach Anzeichen einer Myokardschädigung geforscht. Dazu zählten klinische Symptome der Herzinsuffizienz, linksventrikuläre Funktionsparameter und Biomarker.

4 Schweregrade der Kardiotoxizität

Das Ausmaß des Myokardschadens wurde in vier Gruppen eingeteilt:

  1. normal: symptomfrei, keine Anzeichen von Myokardschäden, normale Biomarker und linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF).
  2. leicht: asymptomatisch, LVEF > 50%, erhöhte Biomarker oder wenigstens ein auffälliger Parameter in der Echokardiografie.
  3. moderat: asymptomatisch, LVEF zwischen 40 und 50%, ggf. erhöhte Biomarker oder pathologische Echo-Befunde.
  4. schwer: klinisch manifeste Herzinsuffizienz oder asymptomatisch mit einer LVEF unter 40%.

Von 1.324 Tumorpatienten wurden 459 aussortiert, bei denen entweder die Baseline-Daten inkomplett waren oder bei denen bereits Zeichen einer Herzschwäche vorlagen.

Überwiegend Brustkrebs-Patientinnen

Die 865 Studienpatienten waren überwiegend weiblich (84%) und litten an Brustkrebs (66%), Non-Hodgkin- (15%), Hodgkin-Lymphomen (5%) oder anderen hämatologische Neoplasien (6%), die übrigen knapp 10% an anderen nicht hämatologischen Neoplasien.

Unter den verabreichten Chemotherapeutika dominierten Anthrazykline (85%) und HER2-Antikörper (15%); 27% der Patienten erhielten eine Strahlentherapie der Brust, 3% eine Radiatio des Mediastinums.

Nach einer durchschnittlich zweijährigen Beobachtungszeit konnten bei der Mehrzahl der Patienten (92%) leichte und transiente Zeichen einer Myokardschädigung festgestellt werden. 3,5% der Patienten zeigten einen moderaten Myokardschaden. 3,1% (27 von 865 Patienten) wiesen eine schwere Kardiotoxizität auf, die sich bei 2,4% der Patienten als klinische Herzinsuffizienz äußerte und bei 0,7% als LVEF < 40%.

Schwere Kardiotoxizität geht mit hoher Mortalität einher

Definierte man Kardiotoxizität als Vergrößerung eines Myokardschadens, wurde 31,6% der Patienten eine leichte Kardiotoxizität attestiert, 2,8% eine moderate und 3,1% eine schwere Form.

54 Studienpatienten (6,4%) verstarben in den zwei Jahren, davon vier an kardiovaskulären Ursachen. Die kleine Gruppe an Patienten mit schwerer Kardiotoxizität wies eine zehnfach erhöhte Gesamtsterblichkeit auf, 48% der Patienten starben. Das traf allerdings nicht auf die Patienten mit leichter oder moderater Myokardschädigung zu.

Integrierte kardio-onkologische Versorgung von Risikopatienten

Allerdings sollten auch diese leichteren Formen früh entdeckt werden und dann Anlass geben, die Patienten engmaschiger zu kontrollieren und die Chemotherapie ggf. zu modifizieren oder zu unterbrechen, empfehlen die Autoren.

Die relativ niedrige Rate schwerer Kardiotoxizitäten führen die Autoren darauf zurück, dass Patienten mit vorgeschädigtem Myokard vorher exkludiert wurden. Zur Vermeidung schwerer Myokardschäden im Rahmen einer Chemotherapie empfehlen sie eine integrierte kardio-onkologische Versorgung der Patienten mit entsprechenden Risiken.

Literatur

López-Sendón J, et al. Classification, prevalence, and outcomes of anticancer therapy-induced cardiotoxicity: the CARDIOTOXIC registry. Euro Heart J 2020; doi: 10.1093/eurheartj/ehaa006