Skip to main content
main-content

28.01.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Deutscher Herzbericht 2015

Soziales Gefälle in Deutschland geht aufs Herz

Autor:
Philipp Grätzel

Einige Bundesländer haben eine massiv höhere Sterblichkeit bei vielen kardiovaskulären Erkrankungen. Liegt es an der medizinischen Versorgung? Eher nicht. Die Zahlen spiegeln das soziale Gefälle in Deutschland wider.

In Sachsen-Anhalt sterben 99 von 100.000 Einwohnern pro Jahr an akutem Herzinfarkt. Im Saarland sind es 75, in Thüringen 81 und in Mecklenburg-Vorpommern 77. Anders in Schleswig-Holstein: Hier sind es nur 43. In Berlin sind es 48, und in Süddeutschland um die 50.

Bei anderen kardialen Erkrankungen ist das Gefälle ähnlich. An einer (chronischen) koronaren Herzerkrankung sterben in Sachsen-Anhalt rund 260 von 100.000 Einwohnern. In Hamburg und Nordrhein-Westfalen sind es nur um die 130. Auch die Herzinsuffizienz ist mit rund 90 bis 100 Todesfällen pro 100.000 Einwohner in den neuen Bundesländern überrepräsentiert. Andere Bundesländer kommen teilweise auf die Hälfte.

Demografie scheidet als Erklärung aus

Wie erklären sich diese Unterschiede, die schon wiederholt beschrieben wurden und sich nun im Deutschen Herzbericht 2015 der Deutschen Herzstiftung detailliert nachlesen lassen? Weitgehend klar ist, woran es nicht liegt: „Unterschiede in der Codierung werden immer wieder diskutiert. Aber auch wenn wir das berücksichtigen, bleibt das Gefälle immer noch enorm“, betonte Prof. Andreas Stang, Leiter des Zentrums für Klinische Epidemiologie am Uniklinikum Essen. Auch die Demografie scheidet aus, denn die Daten sind altersbereinigt.

Ist also die kardiologische Versorgung schlechter? Der Deutsche Herzbericht lässt auch daran zweifeln. Weder die Dichte an Linksherzkathetermessplätzen noch die an Chest Pain Units korreliert mit der KHK- oder Infarktsterblichkeit. Auch die PCI-Raten helfen nicht weiter: Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern bilden hier die Speerspitze, aber nur in Hamburg ist die Sterblichkeit beim Herzinfarkt niedrig, in den beiden anderen Regionen ist sie stark überdurchschnittlich.

Folge von Arbeitslosigkeit und Bildungsdefiziten

Angesichts dieser mittlerweile recht guten Datenlage sieht Stang nur einen plausiblen Erklärungsansatz, und das ist das soziale Gefälle innerhalb Deutschlands. Bundesländer, die bei Herzerkrankungen schlecht abschneiden, sind jene mit der höchsten Arbeitslosigkeit und dem geringsten Anteil von Menschen mit höherem Bildungsabschluss. Auch hier gibt es einzelne Bundesländer, die nicht ins Schema passen. Aber es sind nur wenige.

Gehe man eine Ebene tiefer, auf die Ebene der medizinischen Risikofaktoren, dann seien in den Bundesländern mit problematischer Sozialstruktur Adipositas, metabolisches Syndrom, Diabetes und Hypertonie häufiger, so Stang. Es werde mehr geraucht, weniger Sport getrieben, und die Taille sei breiter: „Auch das ist alles alterskorrigiert. Sachsen-Anhalt schneidet besonders schlecht ab.“ Am Ende stehen höhere Raten an Klinikeinweisungen wegen kardiovaskulärer Diagnosen und höhere Sterblichkeit.

Stangs Fazit lautet, dass Ärzte zwar Risikofaktoren noch besser erkennen und noch konsequenter behandeln sollten. Dies könne aber nicht alles sein: „Wir können Prävention nicht allein den Ärzten reindrücken.“ Nötig seien vielmehr weniger Arbeitslosigkeit und bessere Bildung.


Der Herzbericht 2015 ist als PDF kostenfrei unter www.herzstiftung.de/herzbericht erhältlich. Ein gedrucktes Exemplar kann angefordert werden bei der Deutschen Herzstiftung, Tel. 069 955128-400, E-Mail presse@herzstiftung.de 

Literatur

Das könnte Sie auch interessieren

29.01.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Kardiale Versorgung auf hohem Qualitätsniveau

29.01.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Große Erfolge bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern