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03.03.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Das Happy Heart-Syndrom

Spaß beiseite, auch positiver Stress schädigt unser Herz

Autor:
Veronika Schlimpert

Neben Stress, Angst und Ärgernis können offenbar auch positive Emotionen ein Tako-Tsubo-Syndrom auslösen. Dieses Phänomen des „Happy Heart-Syndroms“ hat eine ganze Autorenschaft aus bekannten Kardiologen nun erstmals in einer systematischen Analyse beleuchtet.

Ob ein Geburtstag, eine Hochzeit oder ein tolles Jobangebot – erfreuliche Ereignisse heben zwar unsere Stimmung, bleiben aber nicht immer ohne Auswirkungen auf das Herz. Das vermuten die Autoren einer Analyse von Daten des internationalen Tako-Tsubo-Registers. Denn in diesem Register haben sich auch freudige Erlebnisse als Auslöser eines Tako-Tsubo-Syndroms ausfindig machen lassen.

Tako-Tsubo-Kardiomyopathie

Das Tako-Tsubo-Syndrom ist eine akut einsetzende Funktionsstörung des linken Ventrikels mit herzinfarktähnlicher Symptomatik; betroffen sind vor allem Frauen nach der Menopause. Bisher wurde die Erkrankung mit schweren psychischen Belastungen als Auslöser in Verbindung gebracht. Daher wird die Tako-Tsubo-Kardiomyopathie auch „Broken-Heart-Syndrom“ oder Stresskardiomyopathie genannt. Als Pathomechanismus wird eine Überaktivität des Sympathikus und /oder Hemmung des Parasympathikus diskutiert, die zu der Schädigung der Herzmuskelzellen führen könnte.

Wenig war bisher darüber bekannt, ob auch positive Emotionen, die ja ebenfalls das autonome Nervensystem und damit auch die Herzfrequenz, den Blutdruck und den peripheren Gefäßwiderstand verändern können, die Entstehung einer Tako-Tsubo-Kardiomyopathie beeinflussen. Einerseits könnte man vermuten, dass freudige Erlebnisse vor kardiovaskulären Ereignissen eher zu schützen vermögen, so wie auch in der Studie von Pressmann und Cohen von 2005 gezeigt.

Interessanterweise gibt es aber auch Beobachtungen, die das Gegenteil vermuten lassen; so ist einer Arbeit von Saposnik et al. von 2006 zufolge die Wahrscheinlichkeit für eine Person, ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden, an ihrem Geburtstag um 27% höher als an einem anderen Tag im Jahr. Nur Zufall?

Dem möglichen Zusammenhang sind Dr. Jelena Ghadri und Kollegen vom Universitätsklinikum in Zürich nachgegangen. Dafür suchten sie im internationalen Tako-Tsubo-Register nach Patienten, die unmittelbar vor dem Ereignis etwas Erfreuliches erlebt hatten. Beteiligt an diesem Register mit insgesamt 1.750 Patienten sind 26 Zentren in Europa und den USA.

Happy-Heart-Syndrom in 4,1 % aller Fälle

Tatsächlich wurden 20 Patienten mit Tako-Tsubo-Syndrom identifiziert, bei denen ein freudiges Ereignis als „Trigger“ auszumachen war (4,1 % von 485 Patienten mit definitivem emotionalem Krankheitsauslöser); eine Patientin war beispielsweise kurz zuvor Großmutter geworden, eine andere hatte einen Jackpot gewonnen.

Im Vergleich zu Patienten, bei denen negative emotionale Stressoren, wie der Tod des Ehepartners auslösend waren, mutet diese Zahl klein an; das „Broken-Heart-Syndrom“  machte immerhin einen Anteil von 95,9 % aus. Nicht überraschend waren vor allem Frauen betroffen, sowohl vom Happy- als auch vom Broken-Heart-Syndrom (95,0 und 94,6 %). Auch sonst fanden die Wissenschaftler kaum Unterschiede zwischen beiden Syndromen: Symptome wie Brustschmerzen und Dyspnoe, ebenso wie Baseline-Charakteristika, kardiovaskuläre Risikofaktoren, EKG- und Laborbefunde, waren in beiden Gruppen ähnlich.

Gemeinsamer Signalweg im Gehirn?

Das Fehlen bedeutender Differenzierungsmerkmale lässt die Wissenschaftler vermuten, dass Ereignisse – egal ob traurig oder fröhlich – letztlich in einen gemeinsamen Signalweg im Gehirn münden und dort dieselben biochemischen Prozesse in Gang setzen könnten, die schließlich das Tako-Tsubo-Syndrom auslösen. Womöglich sei die Schwelle, bei der erfreuliche Erlebnisse das kardiovaskuläre System beeinflussten, einfach höher als bei bedrückenden Ereignissen und deshalb die Prävalenz des Happy-Heart-Syndroms geringer.

Die exakten Mechanismen, die hinter dem Happy- und dem Broken Heart-Syndrom stecken, sind bisher allerdings unklar und Gegenstand weiterer Forschung. Nicht auszuschließen ist, dass die vom Happy-Heart-Syndrom betroffenen Patienten dasselbe Schicksal auch nach einem traurigen Ereignis ereilt hätte und dieses Phänomen generell durch individuelle Unterschiede in der Verarbeitung biochemischer Prozesse im Gehirn erklärt werden kann.

Trotz der Limitationen, die eine Beobachtungsstudie zwangsläufig mit sich bringt, glauben Ghadri und Kollegen, dass diese Befunde einen Paradigmenwechsel herbeiführen und das Bewusstsein für die multifaktorielle Ätiologie des Tako-Tsubo-Syndroms steigern könnten.
 

Literatur

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