Nachrichten 06.11.2019

Akute Herzinsuffizienz infolge Myokardinfarkt häufiger bei Frauen

Frauen entwickeln in Zusammenhang mit einem akuten Myokardinfarkt häufiger eine Herzinsuffizienz. Davon betroffene Patientinnen  unterliegen zudem einem höheren Sterberisiko als vergleichbare männliche Infarktpatienten, belegen Daten eines internationalen Registers.

Herzinsuffizienz tritt als Komplikation eines akuten ST-Hebungs-Myokardinfarkts (STEMI) bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Im Fall einer solchen prognoseverschlechternden Komplikation ist zudem die Mortalität bei Frauen höher als bei männlichen STEMI-Patienten mit Herzinsuffizienz. Das geht aus einer aktuellen  Analyse von Daten des ISACS-TC-Registers  (International Survey of Acute Coronary Syndromes in Transitional Countries) hervor.  

Ein zu Lasten betroffener Frauen gehender Unterschied bei der medikamentösen Therapie kann als Erklärung für diese Unterschiede nicht herhalten. Bei den im Register erfassten Frauen war diese Therapie, gemessen an der Umsetzung  der Leitlinien-Empfehlungen, de facto sogar besser als bei  Männern.

Daten von knapp 10.500 STEMI-Patienten analysiert

Der Analyse einer Forschergruppe um Dr. Raffaele Bugiardini  von der Universität Bologna liegen Daten von 10.443 Patienten mit STEMI, darunter 3.112 Frauen, aus dem multinationalen ISACS-TC-Register zugrunde.  Die Datenerhebung erfolgte zwischen Januar 2010 und Juli 2018 an 41 Zentren in 12 europäischen Ländern.

Primärer Endpunkt der Studie war die Gesamtmortalität innerhalb der ersten 30 Tage nach dem Infarktereignis. Als sekundärer Endpunkt stand die Häufigkeit einer Herzinsuffizienz (Killip Klasse ≥II) als Infarktkomplikation bei Klinikaufnahme im Blickpunkt.

Dass eine akute Herzinsuffizienz als STEMI-Komplikation die Mortalität erhöht, ist gut bekannt. Auch in die Analyse von Bugiardini  und seinen Kollegen war die In-Hospital-Sterblichkeit bei STEMI mit Herzinsuffizienz deutlich höher als bei STEMI ohne entsprechende Komplikation  (24,0% vs. 6,2%). Allerdings stießen die Untersucher hier auf deutlich geschlechtsspezifische Unterschiede.

30-Tage-Mortalität bei Frauen um knapp 30% höher

So kommen sie in  ihrer unter anderem für Alter, Risikofaktoren, Komorbiditäten und Verzögerungen bei der Klinikeinweisung adjustierten Analyse zu dem Ergebnis, dass die Inzidenz einer de-novo-Herzinsuffizienz  bei Frauen signifikant um 34% höher war als bei Männern (25,1% vs. 20,0%, Odds Ratio [OR] 1,34; 95% Konfidenzintervall [KI] 1,21-1,48). Bei Frauen mit neu aufgetretener Herzinsuffizienz war zudem die 30-Tage-Rate für die Gesamtmortalität relativ um 29%  höher als bei männlichen STEMI-Patienten mit entsprechender Komplikation  (25,1% vs. 20.6%; OR 1.29; 95% CI 1,05-1,58).

Frauen  hatten insgesamt seltener eine Reperfusionstherapie mittels primärer perkutaner  Koronarintervention  (64,8% vs. 68,8%) oder Fibrinolyse  (8.7% vs. 9.9%) erhalten. Doch selbst bei denjenigen Frauen mit akut aufgetretener Herzinsuffizienz, die einer revaskularisierenden Therapie unterzogen worden waren, war die 30-Tage-Mortalität noch immer weitaus höher als bei vergleichbaren männlichen Patienten (21,3% vs. 15,7%; OR 1,45; 95% CI 1,07-1,96). Somit sei eine de-novo-Herzinsuffizienz ein Schlüsselfaktor bei der Erklärung von geschlechtsspezifischen Unterschieden bezüglich  der Mortalität nach STEMI, schlussfolgern die Studienautoren.

Sind Störungen in der Mikrozirkulation von Relevanz?

Als ein Grund für die ungünstigere Prognose von Frauen mit Herzinfarkt wird immer wieder die im Vergleich zu Männern schlechtere medikamentöse Behandlung genannt. Zur aktuellen Registeranalyse passt diese Erklärung jedoch nicht. Zwar hatten Frauen in den ersten 24 Stunden nach Klinikaufnahme seltenen Thrombozytenhemmer oder orale Antikoagulanzien erhalten, jedoch war der Anteil derjenigen, die vor dem STEMI eine evidenzbasierte Therapie mit ASS, Betablockern, ACE-Hemmern oder Statinen bekommen hatten, bei Frauen höher als bei Männern.

Auch eine höhere Komorbidität oder eine verspätete Präsentation in der Klinik  – Faktoren, auf die hin bei der Analyse adjustiert worden war  – scheiden  nach Ansicht der Autoren als Erklärung für die beobachteten Unterschiede aus. Sie halten andere Pathomechanismen für wahrscheinlicher. So erinnert die Gruppe um Bugiardini daran, dass Störungen in der koronaren Mikrozirkulation bei Frauen häufiger seien als bei Männern. Dadurch werde die koronare Flussreserve beeinträchtigt, was wiederum das Myokard „vulnerabler“ gegenüber Ischämien und daraus resultierenden funktionellen Störungen machen könnte.

Frauen mit Herzinsuffizienz nach  STEMI repräsentierten eine Hochrisiko-Gruppe, die es verdiene, dass mehr in die Erforschung von Möglichkeit zur Reduktion spezifischer Risiken investiert werde, lautet das abschließende Fazit der Autoren.  

Literatur

Cenko E. et al.: Sex-Related Differences in Heart Failure After ST-Segment Elevation Myocardial Infarction, J Am Coll Cardiol 2019;74:2379–89.

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