Nachrichten 03.01.2020

Metaanalyse bestätigt: Komplette Revaskularisation senkt kardiovaskuläre Mortalität

Bei Patienten mit akutem Herzinfarkt und koronarer Mehrgefäßerkrankung reduziert eine komplette Revaskularisation unter Einbeziehung auch von verengten Nicht-Infarktarterien die kardiovaskuläre Mortalität, so das Ergebnis einer Metaanalyse  von sechs randomisierten Studien.

Ob bei Patienten mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) und koronarer Mehrgefäßerkrankung bei der perkutanen Koronarintervention (PCI)  nur die infarktrelevante Arterie (culprit lesion) oder zusätzlich auch anderen verengte Koronararterien ohne Infarktbezug (nonculprit lesions) revaskularisiert werden sollen, war lange Zeit umstritten. Inzwischen haben mehreren Studien übereinstimmend gezeigt, dass bei diesen Patienten eine komplette Revaskularisation, die auch stenosierte Nicht-Infarktarterien einbezieht, im Vergleich zur alleinigen Revaskularisation der Infarktarterie (Culprit-lesion-only-PCI) die vorteilhaftere Strategie.

Auch COMPLETE-Studie ging in die Analyse ein

Mit Ausnahme der jüngst präsentierten COMPLETE-Studie, an der 4041 Patienten mit STEMI beteiligt waren, handelt es sich dabei durchweg um relativ kleine Studien. Und selbst COMPLETE als bis dato größte Studie ist aus statistischer Sicht immer noch zu klein, um den Effekt der kompletten Revaskularisation auf die kardiovaskuläre Mortalität zuverlässig abklären zu können.

Eine italienisch-spanische Expertengruppe um Dr. Gianluca Campo von der Universität Ferrara sah sich deshalb veranlasst, den prognostischen Nutzen der kompletten Revaskularisation  auf der Grundlage einer Metaanalyse aller derzeit vorliegenden randomisierten kontrollierten Vergleichsstudien zu diesem Thema zu untersuchen. Gepoolte Daten aus sechs Studien einschließlich COMPLETE mit insgesamt 6528 beteiligten Patienten mit STEMI und koronarer Mehrgefäßerkrankung gingen in dieser Analyse ein.

Von den Studienteilnehmern waren 3139 bei der PCI einer kompletten Revaskularisation und 3389 einer auf die Infarktarterien beschränkten Revaskularisation unterzogen worden. Die Dauer der Nachbeobachtung betrug ein bis drei Jahre (im Median zwei Jahre). Das Interesse der Untersucher galt primär den in dieser Zeit aufgetretenen kardiovaskulären Todesfällen, deren Rate insgesamt bei 2,9% lag.

Kardiovaskuläre Mortalität relativ um 38% niedriger

Allerdings war die Inzidenz kardiovaskulärer Todesfälle in der Gruppe mit kompletter Revaskularisation signifikant um relative 38% niedriger als in der Vergleichsgruppe mit Culprit-lesion-only-PCI (Hazard Ratio 0,62, 95% Konfidenzintervall 0,39–0,97), berichtete die Gruppe um Campo. Um einen kardiovaskulär bedingten Todesfall zu verhindern, mussten rechnerisch 70 STEMI-Patienten einer kompletten Revaskularisation unterzogen werden (Number Needed to Treat: 70).

Die ambitioniertere Revaskularisationsstrategie ging in der Folge zudem mit einer signifikanten Abnahme von Herzinfarkten (HR 0,68, 95% KI 0,55–0,84; NNT: 45) und erneuten Revaskularisationen (HR 0,29, 95% KI 0,22–0,38; NNT: 8) einher. Auf die Gesamtmortalität hatte die komplette Revaskularisation hingegen keine signifikante Wirkung (HR 0,81, 95% KI 0,56–1,16).

Als Limitierung ihrer Metaanalyse erwähnen Campo und seine Mitarbeiter unter anderem die Tatsache, dass sie dabei nur auf aggregierte Studiendaten (study-level data) und nicht auf individuelle Daten der Studienteilnehmer (patient-level data) zurückgreifen konnten.

Literatur

Pavasini R. et al.: Complete revascularization reduces cardiovascular death in patients with ST-segment elevation myocardial infarction and multivessel disease: systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials, European Heart Journal, ehz896, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz896

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