Onlineartikel 19.12.2014

Statine: Ist das Kataraktrisiko doch erhöht?

In zwei Fall-Kontroll-Studien aus Nordamerika war das Risiko, eine Katarakt zu entwickeln, bei Patienten, die dauerhaft Statine einnahmen, signifikant höher als bei Kontrollpersonen. Eine endgültige Antwort auf die Statin-Katarakt-Frage liefern diese Analysen aber nicht.

Für die Publikation im Canadian Journal of Cardiology [1] wurden eine kanadische und eine US-Datenbank ausgewertet. Bei der kanadischen Kohorte handelte es sich um 162.501 Patienten, die sich im Rahmen des staatlichen Versorgungssystems in Kanada einer Kataraktoperation unterzogen.

Diese Patienten wurden im Verhältnis 1 zu 4 mit weitgehend merkmalsgleichen Personen gematcht, die keine Katarakt hatten. Bei der US-Kohorte handelte es sich um 45.065 Patienten mit Katarakt aus der Datenbank eines Versicherungsdienstleisters. Das Matching-Verhältnis lag bei eins zu zehn.

Eine Katarakt pro 40 bis 50 Patienten?

In der kanadischen Kohorte betrug das relative Risiko (RR) für eine Katarakt bei Patienten, die ein Jahr oder länger mit Statinen therapiert wurden, nach Adjustierung für Alter, Geschlecht und Kataraktrisikofaktoren 1,27 (95% CI 1,24–1,30).

Je nach Statin lagen die RR-Werte zwischen 1,14 (Lovastatin) und 1,42 (Rosuvastatin), wobei für jedes einzelne Statin eine Signifikanz erreicht wurde.

In der US-Kohorte lag das RR nur bei 1,07 (95% CI 1,04–1,10). Hier war Lovastatin mit einem RR von 1,14 das „schlechteste“ Statin, Fluvastatin mit einem RR von 1,03 dagegen das „beste“.

„Kein Grund, Statine nicht einzusetzen“

Aus diesen Daten lässt sich eine „Number Needed to Harm“ von 40 bis 50 pro fünf Jahre Behandlung berechnen. Als Konsequenz aus ihren Daten empfehlen die Autoren um Dr. Stephanie J. Wise von der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, Patienten auf das möglicherweise erhöhte Risiko hinzuweisen. „Es sollte aber nicht als ein Grund betrachtet werden, Statine nicht einzusetzen, wenn eine kardiovaskuläre Risikoreduktion wünschenswert erscheint“, heißt es in der Arbeit.

Datenlage bleibt widersprüchlich

In einem begleitenden Editorial stellen Dr. Steven E. Gryn und Robert A. Hegele die Arbeit in einen etwas breiteren Kontext [2]. So weisen sie darauf hin, dass eine erst vor wenigen Monaten publizierte Metaanalyse zu dieser Thematik nicht nur kein erhöhtes Risiko für klinisch relevante Katarakte bei Statintherapie gefunden habe, sondern im Gegenteil sogar ein um 19% reduziertes Risiko [3].

Die Datenlage sei also zumindest nicht eindeutig. Auch die randomisierte 4S-Studie, die sich der Kataraktthematik systematisch über einen langen Zeitraum angenommen hatte, fand nach im Mittel 5,4 Jahre keinen Unterschied in der Kataraktrate zwischen in diesem Fall Simvastatin und Placebo.

Und auf noch auf einen weiteren Punkt machen die Kommentatoren aufmerksam: Wegen fehlender Daten konnte in beiden Kohorten beim Matching der Zigarettenkonsum nicht berücksichtigt werden. Dies sei aber ein wichtiger Risikofaktor für eine Katarakt, so dass die Ergebnisse schon deswegen mit Vorsicht interpretiert werden sollten.

Literatur

1. Wise SJ et al. Statin use and risk for cataract: a nested case-control study of 2 populations in Canada and the United States. Can J Cardiol. 2014;30(12):1613-9.
2. Gryn SE, Hegele RA. Doctor my eyes: a statin-cataract connection? Can J Cardiol. 2014;30(12):1508-10.

3. Kostis JB, Dobrzynski JM. Prevention of cataracts by statins: a meta-analysis. J Cardiovasc Pharmacol Ther. 2014;19(2):191-200.