Nachrichten 09.08.2022

Hilft Intervallfasten doch beim Abnehmen?

Ob intermittierendes Fasten beim Abnehmen helfen könnte, ist umstritten. Kürzlich publizierte Ergebnisse sprechen eher dagegen. Eine aktuelle randomisierte Studie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.

Intervallfasten könnte adipösen Menschen womöglich doch beim Abnehmen helfen. Dafür sprechen jetzt die Ergebnisse einer kleinen randomisierten Studie, die an der University of Alabama in Birmingham durchgeführt wurde. „Eine zeitlich beschränkte Nahrungsaufnahme stellte sich bzgl. der Gewichtsabnahme als effektiver heraus als eine Nahrungszufuhr über einen Zeitraum von 12 Stunden oder länger“, berichten die Autorinnen und Autoren um Dr. Humaira Jamshed in der Publikation im JAMA Internal Medicine.

Kürzlich publizierte Studie spricht gegen einen bedeutsamen Nutzen

Wie so häufig bei Ernährungsfragen ist auch die Studienlage zur Effektivität von intermittierenden Fasten kontrovers. So legt eine im April dieses Jahres im „New England Journal of Medicine“ publizierte randomisierte Studie aus China nahe, dass die Zeitspanne der Kalorienzufuhr eher eine untergeordnete Rolle spielt. Intervallfasten in Kombination mit einer geringeren Kalorienzufuhr hatte in dieser Studie gegenüber einer alleinigen Kalorienrestriktion nämlich keine signifikanten Vorteile gebracht. Was am Ende zählt, ist die tägliche Kalorienaufnahme, lautet die Grundessenz aus dieser Studie.

Aktuelle Studie kommt zum gegenteiligen Schluss

Das wiederum sehen die Ernährungswissenschaftler um Jamshed angesichts ihrer Ergebnisse anders. Für ihre Studie haben sie 90 adipöse Patientinnen und Patienten (mittlerer BMI bei 39,6) im durchschnittlichen Alter von 43 Jahren 1:1 randomisiert: Die eine Hälfte wurde angehalten, in den kommenden 14 Wochen ihre Kalorienzufuhr einzuschränken (500 kcal/Tag weniger als der jeweilige Grundumsatz) und das Zeitfenster der Nahrungszufuhr auf 7:00 bis 15:00 Uhr einzugrenzen, die andere Hälfte sollte ebenfalls weniger Kalorien zu führen (500 kcal/Tag weniger als der jeweilige Grundumsatz), hatte aber keine vorgeschriebenen Essenszeiten. Die Teilnehmer beider Gruppen wurden darüber hinaus angehalten, 75 bis 150 Minuten in der Woche Sport zu treiben.

Am Ende der 14 Wochen hatte die Interventionsgruppe (Kalorienrestriktion plus Intervallfasten) 2,3 kg mehr abgenommen als die Kontrollgruppe mit alleiniger Kalorienrestriktion (– 6,3 kg vs. –4,0 kg; p=0,002). Der Gewichtsverlust sei um fast 50% stärker ausgefallen, machen die Autorinnen und Autoren deutlich. Darüber hinaus hatte die Intervention eine stärkere Reduktion des diastolischen Blutdrucks zur Folge (– 4 mmHg, p=0,04). Stimmungsschwankungen, einschließlich Fatigue/Müdigkeit, Depressionen/Niedergeschlagenheit sowie Vitalität/Aktivität, kamen in der Gruppe mit eingeschränkten Essenszeiten ebenfalls seltener vor.

Aber: Keinen signifikanten Einfluss auf Körperfettanteil

Auf den Körperfettanteil hatte das Intervallfasten allerdings keinen signifikanten Einfluss, auch wenn dieser in der fastenden Gruppe tendenziell etwas stärker nachließ (– 4,7 vs. –3,4 kg, p=0,09). Auch der Fettanteil im Verhältnis zum Gewichtsverlust konnte durch das zusätzliche Fasten nicht stärker reduziert werden (Unterschied zwischen Gruppen –4,2%, p=0,43).

Ebenso wenig ließen sich Unterschiede bei anderen kardiometabolischen Faktoren wie die Zusammensetzung der zugeführten Lebensmittel, der Schlafqualität und körperlichen Aktivität feststellen.

Obwohl die Signifikanz hinsichtlich des Körperfettanteils in der Intention-to-Treat-Analyse verfehlt wurde, sehen die britischen Ernährungswissenschaftler einen Trend zugunsten des Intervallfastens. Wahrscheinlich sei die statistische Power in diesem Falle einfach zu niedrig gewesen, erklären sie diesen Befund. Sie berufen sich dabei auf die Ergebnisse einer sekundären Analyse, in der nur jene Probanden berücksichtigt wurden, die die Intervention abgeschlossen hatten (n=59): Der Körperfettanteil der zusätzlich fastenden Patientinnen und Patienten ist hier tatsächlich stärker zurückgegangen als in der Kontrollgruppe.  

Unterschiede zwischen beiden Studien

Doch warum hat das Intervallfasten in der NEJM-Studie keinen vergleichbaren Effekt gebracht? Eine Erklärung könnte laut Jamshed und Kollegen sein, dass die Teilnehmer der chinesischen Studie schon vor Studienbeginn nur zu bestimmten Tageszeiten gegessen hatten, nämlich im Median innerhalb von gut zehn Stunden. Während der Studienzeit verkürzten sich die Essenszeiten deshalb gerade mal im Schnitt um 2,3 Stunden. In der aktuellen Studie fasteten die Probanden im Vergleich zu Baseline dagegen deutlich länger: 4,8 Stunden pro Tag mehr als zuvor.

Die Unterschiede könnten aber auch im unterschiedlichen Studiendesign begründet sein. Die NEJM-Studie war mit 139 Teilnehmern etwas größer als die aktuelle Studie und die Intervention dauerte 12 Monate statt nur 14 Wochen.

Literatur

Jamshed H et al. Effectiveness of Early Time-Restricted Eating forWeight Loss, Fat Loss, and Cardiometabolic Health in Adults With Obesity. A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2022; doi:10.1001/jamainternmed.2022.3050

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