Nachrichten 21.06.2022

Sind Nahrungsergänzungsmittel zum Herzschutz empfehlenswert?

Viele Menschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel, auch um Herz- und Tumorerkrankungen vorzubeugen. Doch ist die Einnahme solcher Produkte zu diesem Zwecke empfehlenswert? US-Experten haben dazu jetzt Stellung bezogen.

In Deutschland nehmen laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung etwa ein Drittel der Erwachsenen regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel ein (Stand 2021). In den USA trifft dies laut einer Umfrage sogar auf über 50% der erwachsenen Bevölkerung zu. Die Menschen erhoffen sich davon positive gesundheitliche Effekte, auch zur Prävention von Herzerkrankungen und Krebs werden solche Produkte vielfach eingenommen. Doch wie sinnvoll ist das?

„Bei Gesunden bieten meisten Präparate keinen bedeutsamen Schutz“

Mit dieser Frage hat sich nun ein unabhängiges Expertengremium in den USA, die „United States Preventive Services Task Force“ (USPSTF), beschäftigt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Dr. Elizabeth O’Connor haben die Datenlage zum Nutzen von Vitamin-, Multivitamin- und Mineralstoffpräparaten zur Prävention von Herz- und Tumorerkrankungen gesichtet und daraus Empfehlungen abgeleitet. „Die Ergebnisse aus 84 randomisierten Studien und 6 Kohortenstudien deuten darauf hin, dass die meisten Vitamin- und Mineralstoff-Supplemente bei gesunden Erwachsenen ohne bekannten Nährstoffmangel keinen klinisch bedeutsamen Schutz vor kardiovaskulären Erkrankungen, vor Krebs oder Tod bieten“, fassen sie die Datenlage zusammen.

Neue Empfehlungen des USPSTF

Auf Basis der analysierten Studien leiten die Wissenschaftler folgende Empfehlungen ab:

Für Beta-Carotine und Vitamin E: „Die USPSTF empfiehlt die Einnahme von Beta-Carotin- oder Vitamin E-Supplementen zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen oder Krebs nicht“, lautet der eindeutige Rat der Experten (D Empfehlung). Als Begründung führen die US-Wissenschaftler Studien an, die gezeigt haben, dass die Einnahme von Beta-Carotinen mit einer erhöhten Sterblichkeit, erhöhten kardiovaskulären Mortalität und einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs (vor allem in Kombination mit einer Vitamin A-Supplementierung) assoziiert ist. Die Zufuhr solcher Supplemente scheint somit nicht nur keinen Nutzen zu versprechen, sie könnte sogar schaden. Vitamin-E-Supplemente scheinen nach der verfügbaren Datenlage wahrscheinlich keinen Schutz vor Herz- und Krebserkrankungen zu bieten.

Für Multivitaminpräparate: Weniger eindeutig ist der Standpunkt des Expertenpanels bzgl. der Einnahme von Multivitaminpräparaten: Die derzeitige Evidenz sei nicht ausreichend, um das Nutzen-Risiko-Verhältnis zu beurteilen (I Statement), heißt es in der Publikation. Die Experten raten somit weder explizit von einer Einnahme ab, noch empfehlen sie diese. Begründet wird die unklare Haltung mit der inkonsistenten Datenlage.

Wobei die Einnahme von Multivitaminpräparaten in den meisten aufgeführten Studien keinen klinischen Nutzen gebracht hat, mit der Ausnahme einer gepoolten Analyse, in der diese mit einer geringfügig niedrigeren Tumorinzidenz assoziiert war. Die erwartbare Wirkung solcher Präparate scheint somit – wenn überhaupt – nur minimal zu sein, geben Medizinerinnen und Mediziner um Dr. Jenny Jia in einem begleitenden Editorial zu bedenken. Zudem sei die verfügbare Evidenz limitiert durch die Heterogenität der Studien, den kurzen Follow-up-Dauern und der Zusammensetzung der untersuchten Studienpopulation, bemängeln sie.

Für alle anderen Vitamin/Mineralstoffpräparate: Ebenfalls keine eindeutige Aussage macht das USPSTF-Expertenpanel zum Nutzen anderer Einzel- oder Kombinationssupplemente (ausgenommen Vitamin E oder Beta-Carotine). Die Evidenz reiche für eine Einschätzung der Nutzen-Risiko-Balance nicht aus, heißt es dazu (I Statement).

Wobei auch hier die bisher verfügbaren Studien – wenn überhaupt – nur geringfügige Effekte auf das Auftreten von Herz- und Tumorerkrankungen nahelegen. So ging beispielsweise die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten in vielen Untersuchungen mit keiner Abnahme des Sterberisikos, der kardiovaskulären Mortalität oder tumorassoziierten Sterblichkeit einher. In der großen randomisierten VITAL-Studie war die Supplementierung von Vitamin D jedoch mit einer geringfügigen (aber nicht signifikanten!) Abnahme der durch Krebs verursachten Sterblichkeit assoziiert. Es sei unklar, ob der Effekt von Vitamin D auf Gesundheitsparameter von bestimmten Patientencharakteristika (z.B. Vitamin-D-Spiegel zu Beginn oder Ernährungsverhalten) oder anderen, noch nicht identifizierten Faktoren abhänge, machen die US-Experten deutlich. Zudem weisen sie darauf hin, dass die Follow-up-Zeiten der bisherigen Untersuchungen womöglich nicht ausgereicht haben, um signifikante Effekte auf die Häufigkeit von Tumorerkrankungen aufzeigen zu können.

Empfehlungen gelten für gesunde, nicht-schwangere Menschen

Wichtig: Die aktuell publizierten Empfehlungen der USPSTF-Taskforce gelten für Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen und ohne dokumentierten Nährstoffmangel. „Bei Personen, die an akuten oder chronischen Erkrankungen leiden, kann eine zusätzliche Vitamin-, Mineralstoff- oder Multivitamin-Supplementierung als Bestandteil des Therapiemanagements erforderlich sein“ machen die US-Experten deutlich. Auch für Schwangere oder Frauen mit Kinderwunsch kann, wie die Wissenschaftler erläutern, die Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein. So empfiehlt die USPSTF allen Menschen, die planen, schwanger zu werden, die tägliche Einnahme von 0,4 bis 0,8 mg Folsäure (400–800 µg).

Literatur

US Preventive Services Task Force: Vitamin, Mineral, and Multivitamin Supplementation to Prevent Cardiovascular Disease and Cancer. US Preventive Services Task Force Recommendation Statement. JAMA. 2022;327(23):2326–33. doi:10.1001/jama.2022.8970

O’Connor E et al. Vitamin and Mineral Supplements for the Primary Prevention of Cardiovascular Disease and Cancer. Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA. 2022;327(23):2334–47. doi:10.1001/jama.2021.15650

Jia J et al. Multivitamins and Supplements—Benign Prevention or Potentially Harmful Distraction? JAMA 2022; 327(23):2294–5

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