Nachrichten 15.01.2020

Streit ums Kokosöl – Gift oder Wundermittel?

„Kokosöl ist das reine Gift“ – mit dieser Aussage hat eine Freiburger Forscherin in den Medien für Empörung gesorgt, viele Menschen sind nämlich von der gesundheitsfördernden Wirkung des Öls überzeugt. Was stimmt? Eine Metaanalyse bringt neue Erkenntnisse.    

Die angeblichen Effekte von Kokosöl lassen das Öl regelrecht als Wundermittel erscheinen: Es soll den Glukosestoffwechsel positiv beeinflussen, entzündungshemmend wirken und den Körperfettanteil reduzieren. Laut einer Umfrage glauben 72% der US-Amerikaner daran, dass Kokosöl tatsächlich gesund ist.

Diesem Kokosöl-Hype verpasste die Freiburger Wissenschaftlerin Prof. Karin Michels einen ziemlichen Dämpfer, als sie das Öl in einem auf Youtube-Video einsehbaren Vortrag als „reines Gift“ bezeichnet hat und damit den Zorn einiger Kokosöl-Anhänger auf sich zog.

„Es ist sinnvoll, den Konsum einzuschränken“

Zwar sind die Autoren einer aktuell in der Fachzeitschrift „Circulation“ erschienenen Metaanalyse in ihrem Urteil nicht ganz so radikal wie die Freiburger Wissenschaftlerin (die sich für ihre Wortwahl im Übrigen laut Süddeutscher Zeitung im Anschluss entschuldigt hat). Doch warnen auch die Wissenschaftler aus Singapore vor der wachsenden Popularität des Öls:

„Kokosöl sollte nicht als gesundes Öl für das Herz-Kreislauf-System betrachtet werden“, resümieren Dr. Nithya Neelakantan und Kollegen. Aufgrund des hohen Anteils an gesättigten Fettsäuren raten die Wissenschaftler zu einem eingeschränkten Verzehr des Öls. Kokosöl besteht zu etwa 90% aus gesättigten Fettsäuren.

Kokosöl erhöht LDL-Cholesterin 

Diese ungünstige Zusammensetzung ist laut Neelakantan und Kollegen vermutlich für die cholesterinerhöhende Wirkung des Öls verantwortlich.

So hat ihre Metaanalyse gezeigt, dass das LDL-Cholesterin (LDL-C) im Mittel signifikant um 10,47 mg/dL ansteigt, wenn Menschen statt nicht-tropischer pflanzlicher Öle wie Olivenöl oder Distelöl Kokosöl konsumieren (durchschnittlicher Anstieg um 8,6%); die Konzentration von HDL-Cholesterin war um 4,00 mg/dL höher (7,8%). Insgesamt wurden 16 Studien (davon waren 15 randomisiert) für die Analyse ausgewertet.

Auf die Prognose der Patienten übersetzt, schätzen die Studienautoren, dass sich durch den Kokosöl-Konsum-bedingten LDL-C-Anstieg das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse um 6% und das Risiko, an einer koronaren Herzerkrankung zu versterben, um 5,4% erhöht.

Auf Blutzucker, Inflammation und Adipositas wirkte sich der Konsum von Kokosöl weder positiv noch negativ aus.

Gesundheitsfördernde Wirkung relativiert

Angeblich soll die gesundheitsfördernde Wirkung des Öls durch dessen hohen Anteil an mittelkettigen Triglyceriden (MCT) bedingt sein. Aufgrund ihres relativ kurzen Kohlenstoffanteils (6–10 Atome) werden MCT direkt absorbiert und rasch über die Pfortader zur Leber transportiert. Im Gegensatz zu langkettigen Fettsäuren erhöhen MCT nicht den LDL-Cholesterin-Spiegel, da sie nicht an Lipoproteinen gebunden werden.

Diese dem Kokosöl zugeschriebene positive Eigenschaft wird von den Studienautoren allerdings relativiert: Etwa die Hälfte des Fettsäureanteils von Kokosöl mache Laurinsäure aus. Diese Fettsäure entspräche zwar chemisch gesehen einer MCT, physiologisch werde sie allerdings wie eine langkettige Fettsäure verstoffwechselt, da sie in Form von Chylomikronen transportiert werde. Weitere ca. 25% des Fettanteils bestehen aus den langkettigen Fettsäuren Myristinsäure und Palmitinsäure. Nur 13% machen tatsächlich MCT aus.

Marketing hat funktioniert

Der sich in der Bevölkerung festgesetzte Irrglaube vom gesunden Kokosöl thematisiert auch Prof. Frank Sacks in einem zeitgleich in „Circulation“ erschienenen Editorial. Das Marketing für Kokosöl und die damit verbundene Industrie hätten Kokosöl erfolgreich als natürliches, gesundheitsbringendes Lebensmittel platziert, schreibt der Präventivmediziner aus Boston, und das obwohl bekannt sei, dass das Öl den LDL-Cholesterin-Spiegel – eine bekannte Ursache für Atherosklerose und kardiovaskuläre Ereignisse – erhöhe. 

Die Dosis macht das Gift

Aufgrund der aktuellen Evidenz empfiehlt Sacks „Kokosnussöl nicht regulär zum Kochen zu verwenden.“ Stattdessen sollten nicht-tropische ungesättigte pflanzliche Öle, speziell solche mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, zum Einsatz kommen. Ein absolutes Verbot spricht Sacks allerdings nicht aus: Sparsam könne das Öl aus Gründen des Geschmacks oder der Konsistenz verwendet werden.

Als Limitierung weisen Neelakantan und Kollegen u.a. darauf hin, dass in ihrer Analyse nicht nach der Art des jeweils verwendeten Kokosöls differenziert wurde und die Qualität des Öls womöglich Einfluss auf dessen Wirkung hat. So wird vermutet, dass sich die in unraffinierten Kokosöl enthaltenen Polyphenole positiv auf den Glukosestoffwechsel und Entzündungsprozesse auswirken.  

Literatur

Neelakantan  et al. The Effect of Coconut Oil Consumption on Cardiovascular Risk Factors: A Systematic Review and Meta-Analysis of Clinical Trials. Circulation 2020; https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.119.043052.

Sacks M. Coconut Oil and Heart Health: Fact or Fiction? . Circulation 2020; https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.119.044687.

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen