Nachrichten 20.07.2022

Strikte Salzrestriktion könnte bei Herzinsuffizienz von Nachteil sein

Verwenden Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz bei der häuslichen Essenszubereitung so gut wie kein Salz, könnte sich das nachteilig auswirken. Das legen zumindest Ergebnisse einer neuen Studienanalyse nahe.

Der gut gemeinte ärztliche Rat, so wenig Salz wie möglich zu konsumieren, könnte bei Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz ungeahnte Folgen haben. Wird die Empfehlung dahingehend verstanden, beim Kochen zu gut wie kein Salz zu verwenden, steigt möglicherweise das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. In diese Richtung deuten jedenfalls Ergebnisse einer Post-hoc-Analyse der TOPCAT-Studie.

Salzzugabe beim Kochen in einem Score quantifiziert

In der TOPCAT-Studie ging es bekanntlich primär um den möglichen klinischen Nutzen des Mineralkortikoidrezeptor-Antagonisten Spironolacton bei Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF). Für eine TOPCAT-Substudie hat eine Forschergruppe um den Kardiologen Dr. Weihao Liang von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou, China, jetzt Daten der 1.713 in Nord- und Südamerika rekrutierten Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer analysiert. Geklärt werden sollte die Frage, in welcher Beziehung die Menge des beim Kochen in der heimischen Küche üblicherweise verwendeten Salzes („cooking salt“) zur Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen stand.

Dafür wurde auf Basis der Angaben zur gewöhnlich beim Kochen hinzugefügten Salzmenge für jeden Studienteilnehmer ein „Cooking Salt-Score“ gebildet, der aus vier Subscores (für Grundnahrungsmittel wie Reis oder Kartoffel, für Suppen, für Fleisch und für Gemüse) zusammengesetzt war. Ein Cooking Salt-Score = 0 bedeutete, dass praktisch nie Salz beim Kochen verwendet wurde.

Schlechtere Prognose bei extremer Salzrestriktion

Einen Score von 0 als Indikator für einen sehr restriktiven Umgang mit Salz beim Kochen hatte ungefähr die Hälfte aller analysierten Studienteilnehmer (816/1713). In der Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen im Studienzeitraum (im Median 2,93 Jahre) schlug sich die extreme Zurückhaltung bei Salzen allerdings nicht positiv nieder – im Gegenteil. Im Vergleich zu Patienten mit einem Cooking Salt-Score = 0 hatten nämlich Patienten mit einem Score >0 ein niedrigeres Risiko für Ereignisse des primären Studienendpunktes (kardiovaskulärer Tod, Klinikaufenthalt wegen Herzinsuffizienz, nicht-tödlicher Herzstillstand. Der Unterschied ist signifikant (Hazard Ratio, HR: 0,760, 95%-KI: 0,638 – 0,906, p=0,002).

Auch das Risiko für Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz war in der Gruppe der Patienten, die Salz zum Kochen großzügiger nutzten, im Vergleich signifikant niedriger (HR: 0,737, 95% KI: 0,603 – 0,900, p=0,003). Bei alleiniger Betrachtung der sekundären Endpunkte Gesamtmortalität (HR: 0,838, 95% KI: 0,684 – 1,027, p=0,088) und kardiovaskuläre Mortalität (HR: 0,782, 95% KI: 0,598 – 1,020, p=0,071) waren die Unterschiede zwischen dieser Gruppe und der weitgehend salzlos kochenden Gruppe nicht signifikant.

Nach Ergebnissen von Subgruppenanalysen war die Assoziation von extremer Salzrestriktion mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko etwa bei Patienten im Alter ≤70 Jahre und in einigen ethnisch definierten Subgruppen („non-white patients“) besonders ausgeprägt.

Keine Korrelation mit dem Plasmavolumen

Der Cooking Salt-Score korrelierte in der Studie signifikant mit dem diastolischen und systolischen Blutdruck sowie dem Serumnatriumspiegel der Teilnehmer, nicht aber mit deren Plasmavolumen-Status. Letzteres lasse darauf schließen, dass eine extreme Natriumrestriktion mit keiner intravasalen Volumenkontraktion bei Herzinsuffizienz des HFpEF-Typs einherging, so die Studienautoren.

Bei der Interpretation der Studie sind allerdings Limitierungen in Rechnung zu stellen. So stützt sich die Analyse ausschließlich auf subjektive Angaben der Studienteilnehmer zum Salzverbrauch beim Kochen. Messdaten etwa zur Natriumausscheidung im Urin waren nicht verfügbar.

Zweifel am Nutzen einer strikten Natriumrestriktion bei Herzinsuffizienz hat im Übrigen erst kürzlich die beim Herzkongress ACC 2022 präsentierte SODIUM-HF-Studie bestärkt. Die Strategie, die Natriumzufuhr mit der Nahrung ein Jahr lang auf nur etwa 1,5 g pro Tag zu beschränken, hatte in dieser Zeit keine positiven Auswirkungen auf Ereignisse wie Tod oder kardiovaskulär bedingte Hospitalisierungen gezeigt.

Literatur

Jiayong Li et al. Salt restriction and risk of adverse outcomes in heart failure with preserved ejection fraction. Heart 2022. doi:10.1136/ heartjnl-2022-321167.

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Herzinsuffizienz und Diabetes: Gemeinsames Positionspapier mit Empfehlungen

Diabetologen und Kardiologen in Deutschland weisen in einem Positionspapier auf das Wechselspiel von Diabetes und Herzinsuffizienz hin. Sie betonen: Beide Erkrankungen werden noch zu selten diagnostiziert.

Aldosteron-Blockade – Option auch für Nierenkranke ohne Diabetes?

Höhere Aldosteron-Serumspiegel gingen in einer Studie mit einer beschleunigten Progression einer bestehenden Nierenerkrankung einher – unabhängig von einer Diabeteserkrankung. Das lässt vermuten, dass auch Nierenkranke ohne Diabetes von einer Aldosteron-Blockade profitieren könnten.

Viel Kaliumchlorid im Salz bringt offenbar Vorteile für Herz und Gefäße

Nach den Ergebnissen der Studie SSaSS in China wollten Forscher wissen: Ist der in der Studie beobachtete Vorteil bei Salzersatz – Kaliumchlorid statt Natriumchlorid – ein rein chinesisches Phänomen?

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Blutgerinnsel/© EdNurg / stock.adobe.com
Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org