Nachrichten 26.10.2022

Was Linolensäure mit Herzinsuffizienz zu tun haben könnte

Ein niedriger Gehalt an alpha-Linolensäure im Blut ging bei Patienten mit Herzinsuffizienz in einer Studie mit einer ungünstigen Prognose einher. Deutet sich hier ein möglicher neuer Behandlungsansatz durch Ernährungsveränderung bei dieser Erkrankung an?

Könnte es für Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz klinisch vorteilhaft sein, wenn sie verstärkt Alpha-Linolensäure, die in größeren Mengen etwa in Lein- und Rapsöl oder Walnüssen enthalten ist, mit der Nahrung aufnehmen? Eine spanische Untersuchergruppe um Dr. Aleix Sala-Vila vom Hospital del Mar Medical Research Institute in Barcelona hält das für möglich.

Denn nach ihren Studienergebnissen hatten Patienten mit Herzinsuffizienz, die einen höheren Gehalt an Alpha-Linolensäure in Serumphospholipiden als Parameter für die langfristige Zufuhr dieser pflanzlichen Omega-3-Fettsäure mit der Nahrung aufwiesen, ein deutlich niedrigeres Risiko für klinische Ereignisse als Patienten mit einem relativ geringen Gehalt. Dafür, bei Herzinsuffizienz jetzt schon eine an Alpha-Linolensäure reiche Ernährung zur Reduktion von Morbidität und Mortalität zu empfehlen, reichen die Studienergebnisse nach Ansicht eines Kommentators aber noch längst nicht aus.

Linolensäure-Gehalt in Phospholipiden als Maß für Aufnahme mit der Nahrung

Sala-Vila und sein Team haben in ihre Studie 905 ambulante Patienten (mittleres Alter 67 Jahre, 31,7% Frauen) mit Herzinsuffizienz unterschiedlicher Ätiologie einbezogen. Geklärt werden sollte, ob bei ihnen ein Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Alpha-Linolensäure mit der Nahrung und der Prognose nachweisbar sein würde.

Auf per Fragebogen erhobene subjektive Angaben zum Ernährungsverhalten wollte die Gruppe wegen Ungenauigkeit bei ihrer Analyse bewusst nicht zurückgreifen. Als nach ihrer Ansicht präziseren Parameter für die langfristige Zufuhr der pflanzlichen Omega-3-Fettsäure mit der Nahrung haben die Forscher den Gehalt an Alpha-Linolensäure in Phospholipiden mittels Gaschromatographie gemessen. Dargestellt wurde der Gehalt dann als prozentualer Anteil am Gesamtgehalt der insgesamt 20 gemessenen Fettsäuren.

Je nach Höhe des so ermittelten Gehalts an Alpha-Linolensäure wurden die Studienteilnehmer in vier Gruppen (Quartile) eingeteilt. Jede Quartile wurde dann in Beziehung zur Häufigkeit von klinischen Ereignissen im Follow-up-Zeitraum der Studie (im Median 2,4 Jahre) gesetzt. In dieser Zeit waren insgesamt 140 Todesfälle (davon 85 mit kardiovaskulärer Ursache) und 141 stationäre Ersteinweisungen wegen Herzinsuffizienz zu verzeichnen.

Risikoreduktion um 39% beim primären Endpunkt

Im Vergleich zu Patienten in der untersten Quartile (Q1) mit dem relativ niedrigsten Gehalt an alpha-Linolensäure in Phospholipiden hatten Patienten in den drei höheren Quartilen (Q2 -Q4) ein relativ um 39% niedrigeres Risiko für den primären Endpunkt aus Gesamtmortalität und Ersthospitalisierung wegen Herzinsuffizienz (Hazard Ratio: 0,61; 95% Konfidenzintervall: 0,46-0,81, p=0,001), so das Hauptergebnis der Studie.

Statistisch signifikante Reduktionen im Vergleich zur untersten Quartile ergaben sich auch für die Endpunkte Gesamtmortalität (p = 0,002), kardiovaskuläre Mortalität (p = 0,004), erstmalige Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz (p = 0,003) und für den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärer Mortalität und Klinikeinweisung wegen Herzinsuffizienz (p = 0,001). Aus Vergleichen der drei höheren Quartile Q2, Q3 und Q4 miteinander resultierten dagegen keine nennenswerten Unterschiede.

Angesichts der deutlich schlechteren Prognose des Viertels der Herzinsuffizienz-Patienten mit den relativ niedrigsten Alpha-Linolensäure-Werten könnte dies eine Zielpopulation sein, bei der es lohnend sein könnte, den Effekt einer an Alpha-Linolensäure reichen Ernährung etwa auf die Lebensqualität und die Inzidenz klinischer Ereignisse in künftigen Studien zu untersuchen, schlussfolgern die Studienautoren um Sala-Vila. Hervorzuheben sei, dass eine solche ernährungsbasierte Intervention sicher und mit keinen Risiken verbunden sei.

Kommentator nennt Ergebnisse „hypothesengenerierend“

In einem Begleitkommentar bewertete Dr. Abdallah Al-Mohammad von der University of Sheffield im Vereinigten Königreich die Studienergebnisse der Gruppe um Sala-Vila als „hypothesengenerierend“. Die von den spanischen Untersuchern vorgebrachte These einer möglichen Verbesserung von Morbidität und Mortalität bei Herzinsuffizienz durch Alpha-Linolensäure als Nahrungsbestandteil lasse sich derzeit nicht erhärten. Allerdings gebe die Studie einen Anstoß „zu testen, ob eine erhöhte Aufnahme von Alpha-Linolensäure mit der Nahrung die Serumspiegel in einem ausreichenden Maß erhöhen kann, um die Patienten in eine Quartile zu bringen, die mit einer besseren Prognose assoziiert ist“.  Dann müsse in randomisierten kontrollierten Studien gezeigt werden, dass daraus auch eine Reduktion von Morbidität und Mortalität resultiert.

Literatur

Lazaro J. et al.: Relationship of Circulating Vegetable Omega-3- to Prognosis in Patients with Heart Failure. J Am Coll Cardiol. 2022, 80 (18): 1751–1758

Abdallah Al-Mohammad: Circulating Plant-Based Omega-3 in Heart Failure - A Prognostic Marker or a Therapeutic Target? J Am Coll Cardiol. 2022, 80 (18): 1759–1761

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