Nachrichten 25.08.2015

Systemische Embolien bei Vorhofflimmern: Selten, aber bedrohlich

Durch Thromboembolien droht bei Vorhofflimmern nicht nur Gefahr für das Hirn. Extrakraniale systemische Embolien sind bei dieser Arrhythmie zwar deutlich seltener, in ihren klinischen Auswirkungen aber kaum weniger gravierend als ischämische Schlaganfälle.

Vorhofflimmern geht mit einem erhöhten Thromboembolie-Risiko einher. Häufigste klinische Manifestation ist dabei der kardioembolisch bedingte ischämische Schlaganfall. Neun von zehn mit Vorhofflimmern assoziierte Thromboembolien führen zu Verschlüssen von Hirnarterien, nur in einem von zehn Fällen landet der Embolus in extrakranialen Gefäßen und verursacht akute Ischämien in Extremitäten oder inneren Organen.

Bislang umfangreichste Analyse

Eine internationale Forschergruppe um Dr. Alan Hirsch aus Minneapolis hat jetzt die bislang umfangreichste Untersuchung zu klinischen Bedeutung von systemischen Embolien bei Vorhofflimmern vorgelegt. Die Gruppe hat dazu Daten von 37.973 Patienten mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern zusammengetragen, die in jüngster Zeit an vier großen randomisierten Vergleichsstudien zur Wirksamkeit antithrombotischer Behandlungsstrategien (Antikoagulation, Plättchenhemmung) teilgenommen hatten (ACTTIVE-A, ACTIVE-W, AVERROES, RE-LY). Für die aktuelle Analyse wurden alle in diesen Studien erfassten Fälle von plötzlich aufgetretenen Durchblutungsstörungen in Extremitäten oder Organen von unabhängigen Experten erneut gründlich evaluiert.

Jährliche Inzidenzrate von 0,24 Prozent

Im mittleren Follow-up-Zeitraum von 2,4 Jahren wurden bei 219 Patienten insgesamt 221 klinisch nachgewiesene systemische Embolien registriert. Die Inzidenzrate für systemische embolische Ereignisse lag damit bei 0,24 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Die Rate für ischämische Schlaganfälle war mit 1,92 Prozent pro Jahr um ein Vielfaches höher. Der Anteil systemischer Embolien an der Gesamtzahl aller klinisch gesicherten Thromboembolien betrug damit 11,5 Prozent.

Patienten mit systemischen Embolien unterschieden sich in Charakteristika wie Alter oder Thromboembolie-Risiko (CHADS2-Score) nicht von Patienten mit Schlaganfällen. Doch es gab auch Unterschiede: Im Vergleich zu Patienten mit Schlaganfällen waren jene mit systemischen Embolien signifikant häufiger Frauen (56 versus 47 Prozent) und Raucher/Ex-Raucher (54 versus 44 Prozent). Von systemischen Embolien Betroffene wiesen zudem häufiger eine PAVK (9 versus 5 Prozent) sowie systemische Embolien in der Vorgeschichte auf (20 versus 3 Prozent).

Untere Extremitäten am häufigsten betroffen

Systemische Embolien traten am häufigsten in den unteren Extremitäten auf (58 Prozent), gefolgt von Thromboembolien im viszeral-mesenterischen Gefäßgebiet (32 Prozent) und in Gefäßen der oberen Extremitäten (10 Prozent).

Für 54 Prozent aller Betroffenen blieben die Embolien ohne Folgen, diese Patienten erlangten innerhalb von 30 Tagen wieder weitgehend ihren vorherigen Gesundheitszustand. In 20 Prozent aller Fälle blieben nach dem embolischen Ereignis jedoch Defizite zurück.

Mortalität so hoch wie nach Schlaganfall

Die Rate für die 30-Tage-Mortalität war nach systemischen Embolien ebenso hoch wie nach Schlaganfällen (24 versus 25 Prozent). Allerdings schwankte das Sterberisiko nach systemischen Embolien in Abhängigkeit von deren anatomischer Lokalisation: So starb von den Patienten mit Thromboembolien im viszeral-mesenterischen Stromgebiet jeder zweite (56 Prozent) innerhalb von 30 Tagen; deutlich besser war die Prognose nach Embolien in Bein- oder Arm-Gefäßen, die entsprechenden Sterberaten betrugen 17 Prozent (Bein) und 9 Prozent (Arm).

Auf längere Sicht waren systemische Embolien mit einem rund vierfach und Schlaganfälle mit einem rund siebenfach höheren Sterberisiko assoziiert, jeweils in Relation zum Risiko von Patienten ohne entsprechende Ereignisse.

Gründe, über eine veränderte Indikationsstellung zur Antikoagulation bei Vorhofflimmern nachzudenken, liefern die neuen Untersuchungsergebnisse wohl nicht. Aus der dadurch verbesserten Kenntnis von Häufigkeit, Lokalisation und prognostischer Bedeutung systemischer Embolien bei Vorhofflimmern lässt sich allerdings schließen, dass deren Prävention mit der gleichen Konsequenz betrieben werden sollte wie die Prophylaxe von Schlaganfällen.

Literatur

Bekwelem W et al. Extracranial Systemic Embolic Events in Patients with Nonvalvular Atrial Fibrillation: Incidence, Risk Factors, and Outcomes. Circulation. 2015 Jul 29. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.114.013243