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10.02.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Kardiovaskuläre Prävention

Tag für Tag Tabletten schlucken: die unterschätzte Last

Autor:
Philipp Grätzel

Die tägliche Einnahme von Tabletten zur kardiovaskulären Prävention kann aufs Gemüt schlagen. Im Mittel würden Patienten auf drei Monate Lebenszeit verzichten oder knapp 1.500 US-Dollar bezahlen, wenn ihnen dafür die Tabletten erspart blieben.

In einer sehr ungewöhnlichen Studie haben Ärzte und Public Health Experten der Universitäten von Kalifornien und North Carolina 1.000 Menschen im mittleren Alter von 50 Jahren befragt, wie sie die lebenslange tägliche Einnahme von Tabletten zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse beurteilen. Mehr als die Hälfte der Befragten nahm drei oder mehr Tabletten pro Tag ein, einige Studienteilnehmer aber auch gar keine.

Langes Leben nicht um jeden Preis

Ziel war es, zu erfassen, welchen Einfluss der täglichen Tablettenkonsum auf die Lebensqualität hat. Dem versuchten sich die Interviewer auf dreierlei Weise zu nähern. Zum einen fragten sie, auf wie viele Wochen Lebenszeit die Befragten verzichten würden, wenn sie dafür keinerlei tägliche Tabletten einnehmen müssten. Die zweite Frage zielte darauf ab, welches (akute) Sterberisiko die Betreffenden akzeptieren würden. Und schließlich wollten die Interviewer noch wissen, wie viel Geld die Befragten für ein Leben ohne präventive Dauermedikation zahlen würden.

Die Ergebnisse zeigen, dass zwar die Mehrheit der Patienten keine Kompromisse machen würde, dass es aber doch nicht wenige Patienten gibt, die einiges dafür hergeben würden, keine Tabletten zu nehmen. Dabei sind die Menschen, die bereits Tabletten nehmen, kritischer als jene, die noch keine einnehmen. 

So würden immerhin drei von zehn Befragten im Tausch gegen die tägliche Pille auf Lebenszeit verzichten. Im Mittel war das den Befragten drei Monate Lebenszeit wert. 8,2 Prozent gaben sogar an, dass sie bereit wären, ohne Dauermedikation zwei Jahre weniger zu leben.

Beim Sterberisiko sah es ähnlich aus. Im Mittel würden die Befragten ein akutes Sterberisiko durch das (dauerhafte) Absetzen der Tabletten von 0,9 Prozent hinnehmen. Immerhin 9 Prozent würden aber auch ein 10-prozentiges Sterberisiko akzeptieren. 62,1 Prozent sind diesbezüglich zu keinerlei Risiko bereit. Auch in Geld lässt sich die Abneigung gegenüber chronischem Medikamentenkonsum ausdrücken: Im Mittel würden die Befragten 1445 US-Dollar bezahlen, wenn sie keine Medikamente mehr einnehmen müssten. Knapp 3 Prozent würden über 25.000 US-Dollar auf den Tisch legen.

Bedeutung für die Gesundheitsökonomie

Die Autoren um Robert Hutchins von der Abteilung für Innere Medizin der UCSF räumen ein, dass ihre Befragung medizinisch keine großen Auswirkungen hat. Politisch bzw. gesundheitsökonomisch allerdings seien die Auswirkungen erheblich. Denn in die üblichen Kosten-Nutzen-Analysen fließe die Verringerung der Lebensqualität durch die Tabletteneinnahme nicht ein. 

Wird dieser Faktor berücksichtigt, kann das enorme Auswirkungen auf wichtige Kenngrößen wie etwa die Kosten pro qualitätsadjustiertes Lebensjahr (QALY) haben. Als Beispiel nennen die Autoren primärpräventiv eingesetztes ASS bei Frauen. Wird eine und sei es nur geringe Verschlechterung der Lebensqualität durch die dauerhafte Tabletteneinnahme mit ins Kalkül gezogen, steigen die Kosten pro QALY von rund 50.000 auf über 200.000 US-Dollar.

Literatur

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