Nachrichten 19.07.2017

Gebrechlichkeit: Simpler Score sagt bei Aortenstenose Risiken voraus

Gebrechlichkeit ist ein wichtiger Prädiktor für operative Eingriffe im Alter. Das gilt auch für den Aortenklappenersatz, ob chirurgisch oder per TAVI. Von den zahlreichen Gebrechlichkeits-Scores ist der simple EFT bei der Aortenstenose nicht nur einer der einfachsten, sondern auch der informativste.

Gebrechlichkeit (engl.: frailty) ist ein geriatrisches Syndrom, das zunehmend als ein Kriterium herangezogen wird, wenn es darum geht, die Erfolgsaussichten operativer Eingriffe abzuschätzen. Ein Problem ist die Objektivierung der Gebrechlichkeit: Es gibt über zehn verschiedene Scores ganz unterschiedlichen Umfangs, was es zum Beispiel dem Kardiologen oder Herzchirurgen, der abschätzen will, wie riskant ein Aortenklappeneingriff ist, nicht gerade einfach macht.

Sieben Scores im Vergleich

In der Kohortenstudie FRAILTY-AVR in Kanada, USA und Frankreich haben Wissenschaftler jetzt bei insgesamt 1.020 Patienten mit chirurgischem Aortenklappenersatz (AKE) oder Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) die prognostische Aussagekraft von sieben Gebrechlichkeits-Scores prospektiv evaluiert. Konkret handelte es sich um Fried, Fried+, Rockwood, Bern, Columbia, die Short Physical Performance Battery (SPPB) und den Essential Frailty Toolset (EFT). Primär interessierten sich die Studienleiter für die Gesamtmortalität und die Funktionsfähigkeit bzw. Behinderung nach einem Jahr.

Die Studie bestätigte zunächst einmal, dass die Gebrechlichkeits-Scores extrem unterschiedliche Ergebnisse liefern. Stufte zum Beispiel der Rockwood-Score 12% der AKE-Patienten und 35% der TAVI-Patienten vor dem Eingriff als gebrechlich ein, waren es bei der SPPB 56% bzw. 74% und beim EFT 17% bzw. 37%.

EFT-Score war stärkster Prädiktor

Was das medizinische Outcome angeht, war der EFT-Score der mit Abstand stärkste Prädiktor der Sterblichkeit innerhalb eines Jahres, und zwar sowohl beim AKE als auch bei der TAVI. Der EFT-Score war auch der stärkste Prädiktor für eine funktionelle Verschlechterung bzw. zunehmende Behinderung im Jahr nach dem Eingriff.

Für Kardiologen und Herzchirurgen ist das insofern eine gute Nachricht, als der EFT vergleichsweise einfach zu erheben ist. Wer ein Serum-Albumin < 3,5 g/dl, einen Hb < 13,0 d/dl bzw. bei Frauen < 12,0 g/dl oder eine kognitive Einschränkung aufweist, erhält jeweils einen Punkt. Zusätzlich gibt es einen Stuhl-Aufstehtest, bei dem Patienten, die gar nicht aufstehen können, 2 Punkte erhalten und Patienten, die für fünfmal Aufstehen und Hinsetzen 15 Sekunden oder länger brauchen, einen Punkt. Zu vergeben sind also maximal fünf Punkte, ab dreien gelten die Betroffenen als gebrechlich.

In der FRAILTY-AVR-Studie hatten Patienten mit einem EFT von 3 bzw. 4 bzw. 5 bei Einsatz der TAVI eine 1-Jahres-Mortalität von 28% bzw. 30% bzw. 65% und bei einem AKE eine 1-Jahres-Mortalität von 16% bzw. 38% bzw. 50%.

Weil auch in dieser Studie die TAVI-Patienten die älteren und kränkeren Patienten waren, lassen sich beide Zahlenreihen nicht vergleichen. Die Zahlen zeigen aber, dass der EFT hinsichtlich des medizinischen Outcomes unabhängig von der Art des Eingriffs gut differenzieren kann. Patienten mit einem EFT von 1 bzw. 2 hatten bei der TAVI nur eine 1-Jahressterblichkeit von 6% bzw. 15% und beim AKE von 3% bzw. 7%.

Literatur

Afilalo J et al. Frailty in Older Adults Undergoing Aortic Valve Replacement: The FRAILTY-AVR Study. J Am Coll Cardiol. 1. Juli 2017; doi: 10.1016/j.jacc.2017.06.024

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

STEMI – mein Alptraum – aus Fehlern lernen

Prof. Dr. Christoph Liebetrau, UK Heidelberg

Erstes Antidot gegen Faktor-Xa-Hemmer jetzt in Deutschland verfügbar

Andexanet-alfa, das erste in der EU zugelassene Faktor-Xa-Inhibitor-Antidot zur Behandlung lebensbedrohlicher Blutungen bei Antikoagulation mit  Rivaroxaban oder Apixaban, ist seit dem 1. September verfügbar, teilt die Portola Deutschland GmbH mit

Neuartiger Lipidsenker besteht Test in erster Phase-III-Studie

Über positive „Top Line“-Ergebnisse  der ersten Phase-III-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit des innovativen Cholesterinsenkers Inclisiran  informiert aktuell der Hersteller. Im Detail wird die Studie in Kürze beim europäischen Kardiologenkongress vorgestellt.

Aus der Kardiothek

Auffälliges MRT bei 33-Jähriger – wie lautet Ihre Diagnose?

Ausgeprägtes „Late Gadolinium Enhancement“ (LGE) im MRT bei einer 33-jährigen Patientin, die mit ventrikulärer Tachykardie und eingeschränkter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF) aufgenommen wurde. Wie lautet Ihre Diagnose?

Risikoadjustierter Vergleich zwischen transapikaler TAVI und chirurgischem Aortenklappenersatz

PD Dr. Peter Stachon, UK Freiburg – Sprecher
vs. 
Prof. Rüdiger Autschbach, UK Aachen – Diskutant

Live Cases

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise
Vortrag von Ch. Liebetrau/© DGK 2019
Vortrag von M. Kreußer/© DGK 2019
Late Gadolineum Enhancement im MRT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Diskussion P. Stachon vs. R. Autschbach/© DGK 2019
Vortrag von T. Schmidt/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018
Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018/© DGK