Nachrichten 15.10.2020

Ist präventive PCI im Fall bedrohlicher Plaques von Vorteil?

Könnte eine perkutane Koronarintervention (PCI) nicht nur bei hochgradigen Koronarstenosen, sondern auch in der Behandlung von nicht obstruktiven koronaren Hochrisiko-Plaques von Vorteil sein? Eine kleine Pilotstudie macht diesbezüglich Hoffnung.

Herzinfarkte resultieren pathophysiologisch häufig aus einer Plaque-Ruptur mit nachfolgender Thrombosierung der Koronararterie. Als rupturanfällige Koronarläsionen gelten lipidreiche Plaques mit einer dünnen fibrösen Kappe, die angiografisch meist nur mit relativ milden und nicht flusslimitierenden  Stenosen einhergehen.

Könnte eine PCI mit Stent-Implantation, die nach derzeit geltenden Regeln bei solchen nicht obstruktiven Läsionen nicht indiziert ist, dazu beitragen, „vulnerable“ Hochrisiko-Plaques zu stabilisieren und so künftigen kardialen Ereignissen vorzubeugen? Die aktuell bei virtuellen TCT-Kongress (TCT Connect 2020) vorgestellte randomisierte Pilotstudie PROSPECT-ABSORB liefert dazu erste positive Daten.

Nach ihren Ergebnissen war das Gefäßlumen im Bereich der Läsionen bei Patienten mit PCI und Implantation einer bioresorbierbaren Gefäßstütze deutlich größer als bei nur medikamentös behandelten Patienten. Auch bezüglich einer möglichen Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen, deren Rate in der PCI-Gruppe niedriger war, macht die Studie Hoffnung. Sie ist allerdings viel zu klein, um hier schon für Klarheit sorgen zu können.

PROSPECT-ABSORB ist eine in die PROSPECT-II-Studie eingebettete Substudie. Auch die Ergebnisse der PROSPECT-II-Studie, in der es primär darum ging, den Stellenwert einer intrakoronaren Bildgebung in der Detektion von nicht-obstruktiven lipidreichen Hochrisiko-Plaques zu validieren, sind beim Kongress TCT Connect 2020 vorgestellt worden (hier der Bericht).

Gefäßlumen stärker erweitert

In die Substudie PROSPECT-ABSORB waren 182 von 898 Teilnehmern der PROSPECT-II-Studie aufgenommen worden. Bei ihnen waren mittels intravasalem Ultraschall (IVUS) bis dato unbehandelte „vulnerable”  Läsionen mit hoher Plaquebelastung (IVUS plaque burden ≥65%) in Koronararterien festgestellt worden. Nach Zufallszuteilung haben diese Patienten entweder nur eine optimale medikamentöse Standardtherapie (n= 89) oder zusätzlich eine PCI mit Implantation der bioresorbierbaren Gefäßstütze  BVS-Absorb (bioresorbable vascular scaffold, Abbott Vascular) erhalten (n=93).

Nach 25 Monaten zeigt  sich die per IVUS gemessene mittlere minimale Lumenfläche (MLA) in der Gruppe mit BVS-Implantation mit 6,9 mm2 (gegenüber 3,2 mm2 zu Beginn) deutlich vergrößert, während es in der Gruppe mit alleiniger medikamentöser Therapie bei einem mittleren MLA-Wert von nur 3.0 mm2 praktisch keine Veränderung gegeben hatte (p<0,0001).

Rate kardialer Ereignisse nach PCI niedriger

Auch bei der Rate kardialer Ereignisse (Major adverse cardiac events, MACE) ergab sich nach einem medianen Follow-up von rund vier Jahren ein – zumindest numerischer – Unterschied zugunsten der BVS-Gruppe  (4,3% vs. 10,7%; Odds Ratio 0,38, 95% Konfidenzintervall 0,11-1,30, p=0,12). Ausschlaggebend dafür war allein die Abnahme von progressiver Angina pectoris (1,1% vs. 9,0%). Allerdings ist statistisch die Teststärke der Studie bezüglich klinischer Ereignisse zu gering, um aus diesem Ergebnis zuverlässige Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Beim für die Sicherheit relevanten Endpunkt  eines „Zielgefäß-Versagens“ (target lesion failure: kardialer Tod, Zielgefäß-bezogener Myokardinfarkt, Revaskularisation der Zielläsion)  bestand kein Unterschied zwischen beiden Gruppen (4,3% vs. 4,5%, p=0,96).

Folgt jetzt eine größere randomisierte Studie?

Die Ergebnisse der Pilotstudie PROSPECT-ABSORB rechtfertigen nach Ansicht von Studienleiter Dr. Gregg Stone, Icahn School of Medicine und Cardiovascular Research Foundation (CRF), New York, die Durchführung einer „adäquat gepowerten randomisierten Studie, um zu klären, ob eine PCI-Behandlung von fokalen vulnerablen Plaques die Prognose der Patienten verbessert“.

Die Frage ist, ob für eine solche Behandlung moderne Drug-eluting Stents (DES) oder eher bioresorbierbare BVS-Gefäßstützen der neueren Generation die beste Wahl sind. Da nicht flusslimitierende Koronarläsionen bislang nicht mittels PCI behandelt wurden, gibt es keine Vergleichsdaten, die bei dieser Entscheidung helfen könnten. Die in der PROSPECT-ABSORB-Studie verwendete und wegen damit verbundener Probleme von Markt genommene Gefäßstütze BVB-Absorb ist jedenfalls aus dem Rennen.

Literatur

Vorgestellt in der Sitzung  „Late-breaking clinical trials I” beim virtuellen Kongress TCT Connect 2020

Stone G.W., et al: "Percutaneous coronary intervention for vulnerable coronary atherosclerotic plaque" J Am Coll Cardiol 2020; DOI: 10.1016/j.jacc.2020.09.547.

Neueste Kongressmeldungen

Ausblick auf die DGK Herztage: „Endlich wieder ein persönlicher Austausch“

Die DGK Herztage finden vom 30.9 bis 02.10.2021 als Hybridkongress in Bonn und online statt. Es besteht somit seit Langem wieder die Möglichkeit eines persönlichen Austausches. Der Tagungspräsident für Kardiologie aktuell, Dr. Nobert Smetak, erzählt, worauf er sich besonders freut.

Neuer Therapieansatz enttäuscht bei Patienten im kardiogenen Schock

Die Hoffnung, mit einem neuen, am Gefäßregulator Adrenomedullin ansetzenden Therapiekonzept die Behandlung von Patienten im kardiogenem Schock verbessern zu können, hat sich in einer Studie deutscher Kardiologen nicht erfüllt.

Blutdrucksenkung: Vierer-Kombi in niedriger Dosierung schlägt Monotherapie

Mit einer Fixkombination, die vier sehr niedrig dosierte Antihypertensiva in einer Kapsel vereint („Quadpill“), gelingt der Einstieg in eine blutdrucksenkende Therapie wesentlich besser als mit einer antihypertensiven Monotherapie, zeigt die QUARTET-Studie.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

HRS-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) hatte rhythmologisch einige zu bieten: neue Pacing-Methoden, provokative Ergebnisse in puncto Alkohol und Vorhofflimmern und vieles mehr. Seit langem fand ein Kongress mal wieder als Vor-Ort-Event statt, in diesem Fall trafen sich die Experten in Boston. Alle Sessions konnten aber auch virtuell verfolgt werden. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier.

EuroPCR-Kongress 2021

Einer der weltweit führenden Kongresse für interventionelle kardiovaskuläre Medizin – der EuroPCR – fand in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai 2021 virtuell statt. Die wichtigsten Studienergebnisse sind für Sie in diesem Dossier zusammengetragen. 

ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2021/© mandritoiu / stock.adobe.com
EuroPCR-Kongress 2021