Nachrichten 11.11.2021

Myokarditis nach COVID-Impfung: Neue Daten sorgen erneut für Beruhigung

Mit der COVID-Impfung assoziierte Myokarditiden haben in der Bevölkerung für Verunsicherung gesorgt. Beim TCT-Kongress wurden jetzt neue Daten aus Israel vorgestellt – die zur weiteren Beruhigung beitragen.

Selbst wenn es im Zuge einer COVID-Impfung mit einer mRNA-Vakzine zu einer Myokarditis kommen sollte – was prinzipiell schon selten ist – ist von einer günstigen Prognose auszugehen, wie Dr. Guy Witberg beim TCT-Kongress ausführte.

Der israelische Kardiologe beruft sich dabei auf aktuelle Daten seiner Arbeitsgruppe, die im Oktober im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden sind, und die seiner Ansicht nach „beruhigen“ sollten. „Wir reden hier über eine sehr seltene Nebenwirkung“, stellte der Kardiologe zunächst klar. Echokardiografische Befunde deuteten auf eine günstige Prognose hin, führte er die neuesten Erkenntnisse weiter aus. Das Risiko für eine damit verbundene, kurzzeitige Mortalität/Morbidität sei sehr gering.

Inzidenz insgesamt sehr niedrig

Die aktuelle Analyse basiert auf einen Datensatz von über 2,5 Millionen Personen, die im Rahmen der israelischen Impfkampagne mit der mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer gegen COVID-19 geimpft worden sind. Dabei traten 54 Myokarditiden in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung auf. Die Gesamtinzidenz beträgt damit etwa 2 Fälle pro 100.000 Personen.

Erneut bestätigt sich, dass vor allem jüngere Männer von dieser Nebenwirkung betroffen sind. So wurde die höchste Inzidenz mit knapp 11 Fällen pro 100.000 Personen bei den 16- bis 29-jährigen Männern dokumentiert. Während es in derselben Altersgruppe der Frauen nur zu circa 1 Fall pro 300.000 Personen gekommen ist.

Das höchste Risiko für das Auftreten solcher Impf-assoziierten Myokarditiden scheint Witberg zufolge etwa drei bis vier Tage nach der zweiten Impfdosis zu bestehen, denn hier sei ein Clustering der Ereignisse festzustellen.

Meisten Fälle verlaufen milde

Beruhigend an der aktuellen Studie sind zum einen die Befunde zum akuten Erkrankungsverlauf. Denn von den 54 aufgetretenen Fällen sind 41 milde verlaufen (76%). Milde bedeute, dass keine schwerwiegenden Symptome vorgelegen hätten und auch keine Evidenz für eine akute Einschränkung der linksventrikulären Pumpfunktion (LVEF), so Witberg. Zwölf Fälle wurden als intermediär eingestuft (22%), d.h. auch bei diesen Patienten lagen keine schwerwiegenden Beschwerden und keine schwere Einschränkung der LVEF vor. Nur in einem einzigen Fall sei die Myokarditis fulminant verlaufen, berichtete der israelische Kardiologe. Dieser Patient habe einen kardiogenen Schock und eine schwere LVEF-Dysfunktion entwickelt. Sprich, bei 2,5 Millionen geimpfter Personen ist eine einzige fulminante Myokarditis aufgetreten.

„Das ist sehr beruhigend“

Witberg empfindet die Studienergebnisse aber auch deshalb als beruhigend, weil Echokardiografie-Untersuchungen bereits während des Krankenhausaufenthaltes bei fast 80% aller betroffenen Patienten eine normale LVEF-Funktion ergaben. Von den verbleibenden 20% ließ sich bei 16,7% eine nur leicht eingeschränkte LVEF feststellen. Bei 5 von insgesamt 10 Patienten, bei denen vor der Krankenhausentlassung immer noch eine gewisse Einschränkung nachweisbar war, wurde im weiteren Verlauf ein weiteres Echo vorgenommen. Bei allen zeigte sich in dieser Nachkontrolle eine Normalisierung der LVEF. Von den verbleibenden fünf Patienten waren keine Follow-up-Daten verfügbar. „Wenn wir uns daran erinnern, dass der wahrscheinlich wichtigste prognostische Faktor im Anschluss an eine akute Myokarditis das Ausmaß der LV-Dysfunktion ist, ist das sehr beruhigend“, so die Einschätzung des Kardiologen. Im Schnitt lagen die Patienten drei Tage im Krankenhaus.

Follow-up-Daten ebenfalls beruhigend

Die klinischen Follow-up-Daten der aktuellen Studie komplementieren dieses Bild: Während des durchschnittlich 83-tägigen Follow-up ist ein 81-jähriger Patient mit bekannten kardiovaskulären Vorerkrankungen verstorben. Es kam während dieser Zeit zu einer einzigen erneuten Klinikeinweisung, die allerdings nicht auf die Myokarditis zurückzuführen war. Alle anderen Patienten seien wohlauf und asymptomatisch gewesen, so Witberg.

Der Kardiologe berichtete im Anschluss an seine Studienpräsentation über weitere, erst kürzlich von der US-Behörde für „Disease Control and Prevention“ CDC publizierte Daten, die ebenfalls auf eine günstige längerfristige Prognose solcher Impf-assoziierten Myokarditis hindeuten. In dieser Studie seien 30 betroffene Patienten im Schnitt 3 Monate nachverfolgt worden. Wie Witberg ausführte, hatten über 90% von ihnen zu diesem Zeitpunkt eine normale LVEF-Funktion, von den zwei Drittel dieser Patienten, bei denen eine MRT gemacht wurde, hatten alle keine Auffälligkeiten. „Je mehr wir von diesen Patienten nachbeobachten, desto mehr beruhigt uns das hinsichtlich ihrer Langzeitprognose“, bekräftigte er. 

Langzeit-Follow-up-Daten soll es laut Witberg auch von den Patienten der aktuellen israelischen Studie geben.

Literatur

Witberg G: Special Hot Topic Session: COVID Vaccine Updates, TCT-Kongress, 4. – 6. November 2021

Witberg G et al. Myocarditis after Covid-19 Vaccination in a Large Health Care Organization. N Engl J Med 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2110737

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