Nachrichten 28.12.2021

Alkoholkonsum erhöht nicht das Risiko für ventrikuläre Arrhythmien

Genuss alkoholischer Getränke kann Herzrhythmusstörungen begünstigen. Das betrifft primär das Auftreten von Vorhofflimmern, aber anscheinend nicht die Entwicklung von ventrikulären Arrhythmien, wie eine neue Studie nahelegt.

Dass nach durchzechten Nächten mit übermäßigem Alkoholkonsum sich auch schon mal Herzstolpern als Ausdruck von Vorhofflimmern einstellt, ist ein bekanntes Phänomen, für das es sogar einen eigenständigen Namen gibt: Holiday-Heart-Syndrom. Dass Menschen mit Vorhofflimmern die Häufigkeit entsprechender Arrhythmie-Episoden durch Alkoholabstinenz verringern können, ist mittlerweile sogar in randomisierten Studien nachgewiesen worden.

Wenig ist bisher darüber bekannt, ob Alkoholkonsum außer atriale Arrhythmien wie Vorhofflimmern auch die Entwicklung von potenziell lebensbedrohenden ventrikulären Herzrhythmusstörungen wie Kammertachykardien oder –flimmern begünstigt. Dazu hat einer australische Untersuchergruppe um Dr. Christopher Wong von der University of Adelaide nun eine umfangreiche Datenanalyse vorgelegt. Danach war der Konsum an Alkohol insgesamt mit keiner Zunahme von ventrikulären Arrhythmien assoziiert.

Kein Holiday-Heart-Syndrom im Hinblick auf die Ventrikel

Für ihre Studie hat die Gruppe Daten von 408.712 Personen mittleren Alters (davon 52,1% Frauen) aus der britischen UK-Biobank ausgewertet. In dieser Population waren in einem medianen Follow-up-Zeitraum von 11,5 Jahren insgesamt 1733 ventrikuläre Arrhythmie-Ereignisse und 2044 als plötzlicher Herztod klassifizierte Todesfälle aufgetreten. Die Studienautoren haben den zu Beginn erfassten wöchentlichen Alkoholkonsum der analysierten Personen dann in Beziehung zur Inzidenz entsprechender Ereignisse gesetzt.

Bezüglich des Auftretens von ventrikulären Arrhythmien konnte kein klarer Zusammenhang mit der Gesamtmenge an konsumiertem Alkohol festgestellt werden. Zwar ergab eine getränkespezifische Analyse, dass Personen, die größere Mengen an Alkohol ausschließlich in Form hochprozentiger Spirituosen zu sich nahmen, ein höheres Risiko für Kammerarrhythmien hatten. Dagegen ging der Genuss von Bier und Apfelwein sowie von Rot- oder Weißwein mit keiner entsprechenden Risikozunahme einher.

U-förmige Assoziation mit dem plötzlichen Herztod

Ein etwas anderes Muster der Assoziation ergab sich im Hinblick auf den plötzlichen Herztod als Endpunkt. In diesem Fall stellte die Gruppe um Wong den schon in früheren Studien beobachteten U-förmigen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Herztod-Inzidenz fest. Demnach war sowohl hoher als auch sehr niedriger Alkoholkonsum (bzw. Alkoholabstinenz) mit einem erhöhten Risiko assoziiert. Am niedrigsten war das Risiko für einen plötzlichen Herztod bei Personen mit moderatem Alkoholkonsum, die weniger als 26 Drinks (nach britischem Standard entspricht ein Drink 8 g Alkohol) pro Woche zu sich nahmen. Dies würde für die These sprechen, dass zumindest moderater Alkoholgenuss in kardialer Hinsicht protektiv wirksam ist, exzessiver Konsum dagegen eine schädigende Wirkung hat.

Die Ergebnisse werfen natürlich die Frage auf, warum bezüglich ventrikulärer Arrhythmien keine, bezüglich des plötzlichen Herztodes dagegen eine U-förmige Assoziation mit dem Alkoholkonsum bestand. Nach Ansicht der Studienautoren um Wong könnte das etwas mit der Ungenauigkeit des Begriffs „plötzlicher Herztod” zu tun haben. Anders als es dieser Begriff suggeriere, seien vermutlich viele unerwartete und sich plötzlich ereignende Todesfälle gar nicht auf eine kardiale Ursache zurückzuführen.

Literatur

Samuel J. Tu et al.: Alcohol consumption and risk of ventricular arrhythmias and sudden cardiac death: An observational study of 408.712 individuals. Heart Rhythm 2021, online 20. Dezember.

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