Nachrichten 07.07.2021

Kammerarrhythmien: Wirkt Chinidin als Notlösung?

Chinidin kommt heutzutage nur noch selten zum Einsatz. Wenn ventrikuläre Arrhythmien auf gängige Therapien nicht ansprechen, könnte das Klasse I-Antiarrhythmikum aber nützlich zu sein – jedenfalls in der Akutphase.

Das gute alte Chinidin könnte bei Kammerarrhythmien als eine Art Notlösung zum Einsatz kommen. Darauf machen US-amerikanische Kardiologen um Dr. Dan Li jetzt im „JACC Clinical Electrophysiology“ aufmerksam. In der von ihnen publizierten Analyse hat sich das Klasse I-Antiarrhythmikum bei bestimmten Patienten in der Akutphase als wirksam erwiesen.

„Bei Patienten mit wiederkehrenden ventrikulären Arrhythmien und strukturellen Herzerkrankungen, deren Therapieoptionen limitiert sind, kann Chinidin nützlich sein, vor allem als Kurzzeittherapie“, berichten die Studienautoren vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville.

Chinidin heute nur noch selten im Einsatz

Heutzutage wird Chinidin in der Regel nur bei seltenen Kammerarrythmien eingesetzt, etwa im Falle eines Brugada-Syndroms, bei idiopathischem Kammerflimmern, einem frühen Repolarisations-Syndrom und Short-QT-Syndrom. Das war früher mal anders. Bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Medikament flächendeckend für die Behandlung atrialer und ventrikulärer Arrhythmien eingesetzt.

Doch dann wurde die Therapie zunehmend abgelöst, weil alternative Antiarrhythmika wie Amiodaron oder Sotalol und mit der Katheterablation und den ICDs weitere effektive Therapieformen zur Verfügung standen. Chinidin ist auch deshalb fast von der Bildfläche verschwunden, weil es darunter häufig zu Nebenwirkungen kommt: Typisch sind gastrointestinale Beschwerden, befürchtet werden vor allem die potenziell auftretenden QT-Verlängerungen, die in Torsade de Pointes übergehen können.

Wenn sonst nichts hilft

Die US-amerikanischen Kardiologen um Li haben Chinidin trotz allem nicht völlig aus ihrem Medikamentenschrank im Vanderbilt University Medical Center verbannt und das Medikament bei bestimmen Patienten weiterhin eingesetzt. Die Ergebnisse dieser Behandlungsversuche haben sie retrospektiv ausgewertet und jetzt publiziert.

Insgesamt 37 Patienten wurden in der Klinik wegen Kammerarrhythmien mit Chinidin behandelt; am häufigsten wegen monomorpher ventrikulärer Tachykardien (71,3%), die anderen Patienten hatten polymorphe ventrikuläre Tachykardien oder Kammerflimmern. Bei fast allen Patienten lag der Rhythmusstörung eine strukturelle Herzerkrankung zugrunde (> 90%), von denen wiederum hatten 64,9% eine ischämische Kardiomyopathie.

Die Therapie mit Chinidin wurde begonnen entweder, weil andere Antiarrhythmika nicht gewirkt haben (bei 62,2%), weil es nach einer Ablation zu akuten Kammerarrhythmien kam oder das Ergebnis des Eingriffs nicht zufriedenstellend war (27,0%) oder als Ersatz für Amiodaron, weil das Klasse III-Antiarrhythmikum nicht toleriert wurde.

In der Akutphase sehr wirksam

Sieben Patienten wurden von der Analyse ausgeschlossen, weil die Rhythmusstörung nicht anhaltend war. Bei den restlichen 30 Patienten nahmen die Arrhythmie-Episoden nach Verabreichung von Chinidin deutlich ab: von im Mittel drei auf 0 Episoden in einem Zeitraum zwischen durchschnittlich drei Tagen vor bis vier Tage nach Therapiebeginn (p ˂ 0,001). Nur bei einem Patienten sprach die Behandlung gar nicht an.

Auch bei den insgesamt zwölf Patienten, die sich mit einem elektrischen Sturm präsentierten, gingen die Episoden innerhalb dieser Zeit merklich zurück: von im Mittel 10,5 auf 0,5 Ereignisse pro Tag (p=0,004).

Weniger wirksam in der Langzeittherapie

In der Langzeitbehandlung hatte sich Chinidin in der aktuellen Studie allerdings nicht ganz so bewährt. Denn bei den insgesamt 24 Patienten, die das Medikament nach Klinikentlassung weiter einnehmen sollten, kam es bei über der Hälfte innerhalb der kommenden 138 Tagen zu einem erneuten Arrhythmie-Ereignis.

Ein weiteres Manko waren die Nebenwirkungen. Bei fast jedem vierten Patienten (24,3%) musste die Therapie nach durchschnittlich sechs Tagen beendet werden, meist wegen gastrointestinaler Nebenwirkungen wie Diarrhöe, Übelkeit oder Erbrechen. Bei zwei Patienten war eine QT-Verlängerung der Grund für das Therapieende. Torsade de Pointes traten keine auf. Allerdings war die Dosis, die die Patienten zu sich nahmen, im Vergleich zu früheren Studien eher gering (im Mittel 972 mg Chinidin-Gluconat bzw. 600 mg Chinidin-Sulfonat).

„Vor allem in der Akutkontrolle von refraktären ventrikulären Arrhythmien“

Die Studienautoren sehen in Chinidin deshalb eher eine Lösung für die Akutbehandlung als für eine chronische Behandlung: „Die aktuelle Fallserie zeigt, dass Chinidin vor allem für die akute Kontrolle refraktärer ventrikulärer Arrhythmien bei Hochrisikopatienten mit limitierten Therapieoptionen hilfreich sein kann“, erörtern sie die klinischen Implikationen. Hilfreich könnte eine Behandlung mit dem Antiarrhythmikum ihrer Ansicht nach auch zur Stabilisierung eines Patienten sein, bevor eine erneute Katheterablation vorgenommen wird.

Einschränkend weisen die Autoren darauf hin, dass andere, in der Klinik begonnene Therapiemaßnahmen zu dem Rückgang der Arrhythmie-Episoden beigetragen haben könnten, z.B. die Kombination mit anderen Antiarrhythmika, die Behebung von Elektrolytstörungen oder die Behandlung einer Herzinsuffizienz-Exazerbation. Zudem handelt es sich um eine retrospektive Analyse mit Daten von einem einzigen Zentrum und nur wenigen Patienten. „Die Ergebnisse müssen in größeren Studien bestätigt werden“, fordern Li und Kollegen deshalb.

Literatur

Li DL et al. Quinidine in the Management of Recurrent Ventricular Arrhythmias. A Reappraisal .J Am Coll Cardiol EP 202; DOI: https://doi.org/10.1016/j.jacep.2021.03.024

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