Nachrichten 22.06.2016

Plötzlicher Herztod: Wie nützlich ist die Defi-Weste?

Fast alle Patienten, die wegen eines erhöhten Risikos für ventrikuläre Herzrhythmusstörungen temporär mit einer Defibrillator-Weste versorgt werden, sind nach einem Jahr noch am Leben. Das könnte für die Weste sprechen. Daten aus randomisierten Studien freilich fehlen.

Tragbare externe Defibrillatoren, die im Idealfall nur zum Duschen abgenommen werden, werden als Alternative zu implantierbaren Systemen bei Patienten propagiert, die ein nur temporär erhöhtes Risiko für ventrikuläre Herzrhythmusstörungen aufweisen, etwa nach Herzinfarkt oder nach einer akuten Dekompensation bei dilatativer Kardiomypathie. Auch für Patienten, die für eine ICD-Implantation aus medizinischen oder anderen Gründen nicht oder noch nicht in Frage kommen, gelten sie als Option. Europäische und US-amerikanische Fachgesellschaften haben die Geräte vor diesem Hintergrund in einige Leitlinien und/oder Empfehlungen aufgenommen.

Limitierte Datenlage

Die Datenlage ist bisher freilich dünn. Randomisierte Studien existieren nicht, und die Zielgruppe ist nicht eindeutig umrissen. Beim Kongress Cardiostim/EHRA Europace 2016 in Nizza wurden jetzt die 1-Jahres-Daten des WEARIT-II-Registers vorgestellt. Es umfasst über 2.000 Patienten, denen in den USA eine Defibrillatorweste (LifeVest von Zoll Medical) verordnet worden war.

Die bereits im Jahr 2015 publizierten 90-Tage-Daten zeigten, dass es bei 2,1 % der Patienten zu einer anhaltenden ventrikulären Tachykardie oder Kammerflimmern gekommen war. Nur bei rund 40 % der Patienten wurde im Verlauf die Indikation für einen ICD gestellt.

97 % nach einem Jahr noch am Leben

Die jetzt von Dr. Valentina Kutyifa von der University of Rochester vorgestellten 1-Jahres-Daten zeigen vor allem, dass 97 % der ursprünglich mit einer Weste versorgten Patienten nach einem Jahr noch am Leben sind. Im Mittel hatten diese Patienten die Weste 90 Tage getragen. Der Anteil der Patienten, bei denen ein ICD implantiert wurde, stieg im Vergleich zu früheren Auswertungen nicht weiter an.

Wurden jene Patienten, die während des Zeitraums, in dem sie eine Weste trugen, eine ventrikuläre Tachykardie oder Kammerflimmern erlitten hatten, getrennt ausgewertet, betrug die 1-Jahres-Überlebensrate 92 %. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Weste bei Patienten mit einer ischämischen oder nicht ischämischen Kardiomyopathie verordnet wurde.

Hersteller und Studienleiterin interpretieren diese Daten als Stärkung der Evidenz für die Defibrillatorweste. Die Weste ist in dieser Interpretation ein zusätzlicher, nicht zuletzt psychologischer Sicherheitsanker.

Der tatsächliche Nutzen ist zumindest in der WEARIT-II-Population überschaubar: Nur bei rund jedem zweiten jener 2,1 % der Patienten mit von der Weste detektierten  anhaltenden VT/VF (bei 22 von 41 Patienten) bzw. bei jeder vierten detektierten VT/VF-Episode  - einige Patienten hatten mehrere Episoden -  löste die Weste tatsächlich einen Schock aus. In allen anderen Fällen brachen die Patienten den durch ein Signal angekündigten Schock ab, weil sie zwar eine Rhythmusstörung spürten, sich aber nicht in Gefahr wähnten. 

Literatur

Kutyifa V et al. One-Year Follow-Up of the Prospective Registry of Patients Using the Wearable Defibrillator (WEARIT-II Registry). Late-Breaking Clinical Trial-Session, CARDIOSTIM/EUROPACE 2016, 10. Juni 2016.

Pressemitteilung von Zoll Medical: 97 % One-year survival for patients at high risk of sudden cardiac death prescribed the Zoll LifeVest Wearable Defibrillator. 10. Juni 2016

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

Das könnte Sie auch interessieren

Klassifizierung von Vorhofflimmern: Besteht Korrekturbedarf?

Steht die derzeitige Definition von paroxysmalem Vorhofflimmern noch im Einklang mit der Pathophysiologie und den klinischen Auswirkung dieser häufigen Arrhythmie. Die Autoren einer neuen Studie melden diesbezüglich Zweifel an.

Akutes Koronarsyndrom: So hoch ist das Sterberisiko nach schweren Blutungen

Schwere Blutungen scheinen die Überlebenschancen von Patienten mit akutem Koronarsyndrom genauso zu verschlechtern wie ein erneuter Herzinfarkt. Kardiologen stehen damit vor einem Dilemma.

Undichte Trikuspidalklappe: Verbesserung durch Clip-Therapie ist von Dauer

Die funktionellen und klinischen Verbesserungen durch minimalinvasive Clip-Therapie bei undichter Trikuspidalklappe sind anhaltend. Das belegen aktualisierte 1-Jahres-Ergebnisse der TRILUMINATE-Studie.

Aus der Kardiothek

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Kardiologische Implikationen und Komplikationen von COVID-19

Sind kardiovaskulär vorerkrankte Patienten besonders gefährdet, welchen Einfluss haben ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker nun wirklich und was passiert mit dem Herz-Kreislaufsystem im Rahmen eines schweren COVID-19-Verlaufs? Dies und mehr beantwortet Prof. Martin Möckel, Internist, Kardiologe und Notfallmediziner von der Berliner Charité in diesem Webinar.

Bildnachweise
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org
Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH