Nachrichten 07.01.2020

Alkoholverzicht hilft gegen Vorhofflimmern... aber wer macht mit?

Ärzte haben jetzt ein stichhaltiges Argument, Patienten mit Vorhofflimmern zum Alkoholverzicht zu motivieren: Eine randomisierte Studie hat den „antiarrhythmischen“ Nutzen dieser Lebensstilintervention klar gezeigt. Doch in der Praxis könnte die Überzeugungsarbeit schwierig sein.        

Patienten, die von Vorhofflimmern betroffen sind, können ihr Risiko für rezidivierende Arrhythmie-Episoden selbst beeinflussen: Indem sie auf das tägliche Glas Bier oder Wein verzichten. Den wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit dieser Lebensstilintervention hat eine aktuell im „New England Journal of Medicine“ publizierte randomisierte kontrollierte Studie mit 140 Teilnehmern (85% Männer) erbracht. Die Ergebnisse der Studie hat der Studienautor Dr. Aleksandr Voskoboinik aus Melbourne bereits im März beim ACC-Kongress in New Orleans vorgestellt.

Die Ergebnisse im Überblick

  • Patienten in der Interventionsgruppe konnten ihren Alkoholkonsum von vormals durchschnittlich 17 auf 2 Drinks pro Woche verringern (also um 87,5%), die Kontrollgruppe reduzierte ihren Konsum von 16 auf 13 Drinks (um 19,5%); kontrolliert wurde die Alkoholaufnahme über Metaboliten-Messung in Urinproben.
  • Die Rate rezidivierender VorhofflimmernEpisoden (˃ 30 Sekunden) war in der Abstinenzgruppe signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe (53% vs. 73%); das umfassende Rhythmus-Monitoring beinhaltete u.a. Loop-Rekorder und mobile EKG-Rekorder.
  • Zudem hat sich für die Verzicht übenden Teilnehmer die Zeit, die sie ohne Vorhofflimmern verbrachten, deutlich verlängert (Hazard Ratio: 0,55; p=0,005). 
  • Ebenso war die mittlere „Vorhofflimmern-Last“ (prozentualer Anteil der Zeit mit Vorhofflimmern an der Gesamtzeit) während der 6-monatigen Studiendauer in der Abstinenzgruppe signifikant geringer (0,5% vs. 1,2%; p=0,01); etwa 45% entwickelten gar kein Vorhofflimmern (vs. 25% in der Kontrollgruppe).  
  • Zusätzlich zur verbesserten Rhythmuskontrolle brachte der Alkoholverzicht den Teilnehmern einen Gewichtsverlust von 3,7 kg sowie eine Reduktion des systolischen und diastolischen Blutdrucks.

„Die Realität ist ernüchternd“

Doch was in der Theorie einfach anmutet, könnte sich im Praxisalltag als schwer umsetzbar herausstellen: „Die nüchterne Realität ist, dass es für viele Patienten mit Vorhofflimmern schwierig sein könnte, eine komplette Abstinenz zu erreichen“, kommentiert Prof. Anne Gillis aus Kanada die Ergebnisse in einem zur Studie begleitenden Editorial.

Wie mühsam es ist, Patienten zum Alkoholverzicht zu motivieren, zeigte sich bereits in der Rekrutierungsphase der Studie. Nur wenige der gescreenten Patienten waren bereit, ihren Alkoholkonsum über 12 Monate zu reduzieren. Diese Vorbehalte hatten eine Anpassung der Studiendauer von geplanten 12 Monaten auf 6 Monate zur Folge.

Für die Deutschen gehört Alkohol zum Alltag

Von den abstinenzwilligen Teilnehmern, die der Interventionsgruppe zugeteilt wurden, schafften es immerhin 61,4%, eine komplette Abstinenz über die Studienzeit durchzuhalten (wofür allerdings ein großer Aufwand mit monatlichen mündlichen wie elektronischen Erinnerungen betrieben wurde).  

Doch selbst wenn ein Verzicht für kurze Zeit erreicht werden kann, stellt Prof. Gillis die Nachhaltigkeit dieser Intervention zu Diskussion: Wie lange lässt sich die Abstinenz durchhalten?

Für die meisten Deutschen ist Alkohol ein fester Bestandteil ihres gesellschaftlichen Lebens, wie an den Daten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) deutlich wird: Im Jahr 2017 konsumierten die Deutschen pro Kopf 101,1 Liter Bier, 20,9 Liter Wein, 3,9 Liter Sekt und 5,4 Liter Spirituosen.

Konkret: Wie viel ist noch erlaubt?

Was sollte man den Patienten also konkret raten: Sind ein, zwei Drinks pro Woche erlaubt oder ist ein kompletter Verzicht vonnöten, um einen entsprechenden Effekt erwarten zu können?  Frühere Metaanalysen zeigen einen dosisabhängigen Effekt: Je mehr Alkohol getrunken wird, desto höher ist das Risiko für Vorhofflimmern, selbst bei Menschen, die weniger als sieben alkoholische Getränke pro Woche konsumieren. 

Aus der aktuellen Studie lässt sich herleiten, dass 17 Drinks pro Woche für Patienten mit Vorhofflimmern offensichtlich zu viel sind und bei einem solchen Konsumverhalten eine deutliche Reduktion vonnöten ist, um das Rezidivrisiko zu senken.

Literatur

Voskoboinik et al. Alcohol Abstinence in Drinkers with Atrial Fibrillation. N Engl J Med. 2020;382(1):20–8.

Gillis AM. A Sober Reality? Alcohol, Abstinence, and Atrial Fibrillation. N Engl J Med. 2020 Jan 2;382(1):83–4.

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Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen